Wenn der Tod kommt, nimm reichlich.....

 

Laufen ist gesund, hält fit und jung und ist nebenbei auch noch reichlich trendy – kaum eine Zeitschrift, die das Thema noch nicht bis auf die sauerstoffreichen Eingeweide ausgeschlachtet hat und mit Trainingstips Marke „In 6 Monaten zum Marathon“ um sich wirft wie ein Karnevalsprinz mit Kamellen. Fernsehsendungen wie „Von 0 auf 42“ schubsen auch den letzten chipsmampfenden, mopsigen  Couchpotatoe vom Sofa und der Mythos Marathon hat die olle Harley Davidson bei den midlifecrisisgeplagten Mittvierzigern als Beweis ihrer jugendlichen Frische längst abgelöst. Man(n) läuft heutzutage– und natürlich nicht bloss ein paar pupsige Runden um den heimischen Tümpel zur Entspannung, sondern bitte„richtig“, unter 42,195 km tut’s der wahre Trendsetter schon lange nicht mehr. 

 Im gleichen Maße wie Trainingstips und Marathon- unters lesende und tv-guckende Volk geschleudert werden, werden durch die Medien auch die Warnungen und Krankheitsprognosen eingestreut, die moralische Verantwortung für kollabierte Kettenraucher am Wettkampfwegesrand scheint trotz „Marathon leicht gemacht“-Empfehlungen kein Redakteur oder Indendant übernehmen zu wollen. So wird als Disclaimer immer wieder endringlichst darauf hingewiesen, auf gar keinen Fall ohne eine gründliche ärztliche Untersuchung mit dem Lauftraining zu beginnen, scheinbar kann bereits das Verlassen der Haustür verbunden mit allerersten. langsamen Laufschritten eine Gefahr für Leib und Leben darstellen und zum Tode führen. Gefahr! Aber SOWATT von!

 Vor den allerersten Trippelschritten ist also ein Arztbesuch notwendig, der beim gewöhnlichen Kassenpatienten wahrscheinlich mit einem flüchtigen Blutdruckmessen und ein paar halbherzigen Empfehlungen vom örtlichen Wald- und Wiesendoktor abgehandelt wird. Nachdem nun diese Hürde gemeistert wurde, kann also der derzeit noch noch recht kurzatmige Marathoni in spe ins Training einsteigen....sind doch nur noch 6 Monate bis zum grossen Tag, jetzt wird in die Hände gespuckt! Aber SOWATT von! 

Doch halt – hat da jemand die Mahnungen und Empfehlungen bezüglich Laufschuhe überlesen? Schliesslich warnen sämtliche einschlägigen Magazine eindringlich davor, sich ohne perfekt abgestimmte High-Tech-Lauftreter mit den allerneuesten Dämpfungssystemen auf die Laufstrecke zu begeben – wer auch nur im Entferntesten daran denken sollte, seine ersten Versuche in den ollen, abgelatschten Sambas von Adidas zu wagen, wird mit Schlagworten wie Achillessehnenreizung, Knieschmerzen und Schienbeinkantensyndrom eingeschüchtert, die man sich, glaubt man den Zeitungen, unweigerlich einhandelt, sobald die ungedämpften Anfängerfüsse den Asphalt berühren. Auch hier ist Vorsicht angemessen – und ohne Laufstilanalyse geht, bzw. läuft,  ja schon mal gleich gar nix. Aber der zukünftige Läufer ist ja lernfähig – und nachdem er im Laufschuhdiskounter vor der ehemaligen Metzgereifachverkäuferin (jetzt „Kundenberaterin“) ein wenig auf dem Laufband herumgestolpert ist und mit dem Kayano von Asics den Laden verlassen hat, kann es ja nun endlich losgehen, nur noch 5,5 Monate bis zum Wettkampftag, die Zeit drängt und die Wetten beim Stammtisch stehen schon 1:2.  

Und jetzt – einfach loslaufen? Mitnichten – schliesslich lauert der Herztod an jeder Strassenecke und wird seine rostige Sense jedem in den Nacken hauen, dessen Puls sich außerhalb der empfohlenen „Fettverbrennungszone“ bewegt.

Übersäuerte Muskeln, Atemnot und Herzrasen ist da noch das Beste, was dem untrainierten doch hochmotivierten Läuferlein in seinen Kayanos passieren kann – und da der gemeine Couchbewohner scheinbar nicht in der Lage zu sein scheint, sein Lauftempo anhand seiner MaxKeuchjaps als „zu schnell“ oder „gerade richtig“ einzustufen, wird durch Film, Funk und Fernsehen das Tragen eines Pulsmessers als unumgänglich empfohlen. Schliesslich soll unser Marathoni-Wannabe nicht als einer der tragischen Wettkampftoten enden, deren Schicksal häufig als mahnendes Beispiel für „Zuvielwollen“ herangezogen wird, und auch gerne – aufgebauscht durch die Medien – als Argumentationsgrundlage besorgter Ehefrauen oder bewegungsunwilligen Kollegen und Freunden herangezogen wird. Kann ja nicht gesund sein, die Rennerei, da geht man ja tot von!

Also gürtet sich der umsichtige Laufbeginner folgsam mit einem scheuernden Brustgurt nebst Pulsuhr in schicken Trendfarben, besonders gerne mitSchnäppchen-Exemplaren namhafter Lebensmitteldiskounter, die nen ungemein stylishen Eindruck schinden und allerhand witzige Zahlen und Werte anzeigen, und mit richtig viel Glück ist irgendwo auch ein ansatzweise brauchbarer Pulswert dabei. Puh, Glück gehabt, dem Herztodsensemann gerade nochmal von der Schippe gesprungen....jetzt kann ja nix mehr schiefgehen....noch 5 Monate bis zum Marathon...eine Leichtigkeit! Aber SOWATT von!

Vor dem Loslaufen gilt es jedoch noch, die wundersame Formel zur Berechnung der wundersamen HFMax auswendig zu lernen, jenem überaus wichtigen Wert, ohne dessen Kenntnis sich ein vernünftiger Trainingsplan nicht auch nur ansatzweise umsetzen lässt. MaxKeuchjaps ist schliesslich nur was für Gefahrensucher und Todeskandidaten, der moderne Laufanfänger benötigt zwingend und unbedingt High-Tech an Arm und Brust, um sein Befinden analysieren zu können.

Den eigentlich unumgänglichen Laktattest in einem renommierten Sportinstitut umgeht der Wettkampfwillige schweren Herzens – nur noch 4,5 Monate bis zum Marathon, es drängt. „Marathon leicht gemacht“ wirbt ein angesehenes Laufmagazin auf dem Titelblatt...na dann, lauf los!  Laufen? Ja, aber wo kämen wir denn da hin wenn das jeder Anfänger machen würde? GEHEN ist aufdiktiert, zügiges Gehen unterbrochen von wenigen Laufminuten, vorne links hinter dem Strassenschild lauert schliesslich schon der Sensemann! Mit Netz, doppeltem Boden, ärztlicher Untersuchung, Kayanos und Pulsmesser abgesichert wagt man nun die ersten Schritte, geht, trabt, geht, immer darauf bedacht den untrainierten Körper nicht zu überfordern und sich schmerzhafte Überlastungserscheinungen zuzuziehen, die den Trainingsplan über den Haufen werfen könnten. Laufen ist schliesslich gesund, aber SOWATT von!

Also gehtläuft der Wettkampfanwärter gepulsgurtet und kayanot vor sich hin, sorgfältig den Anweisungen des Trainingsplans aus dem Männermagazin folgend und schafft es wider Erwarten, sich bis in den Startbereich des Marathons zu hangeln, ohne an Laktatvergiftung, Sonnenstich oder Langeweile durch ein Übermass an Gehen zu verenden. Zwischenzeitlich ist er sogar in die Profiliga aufgestiegen - vor Wochen ist es ihm gelungen, trotz Völker-Hauen- u. Stechen eine stylishe Lauftight nebst farblich passendem Shirt der Marke Crane im Sportfachhandel "Aldi" zu ergattern - Laufen ist nicht nur gesund, es macht auch HART! Wer durch diese Schule gegangen ist, den haut nichts mehr um.

Wer nun aber denkt, mit lebendigem Erreichen des Wettkampftages ist er in Sicherheit und wird auf ewig fit und gesund bleiben, der irrt - auch hier warnen, orakeln und drohen die Laufzeitschriften und Boulevardmagazine: Tod durch zu viel Trinken, Tod durch zu wenig Trinken, Tod durch zu schnelles Laufen, Tod durch Niedergetrampeltwerden durch die Läufermassen, Lebensmittelvergiftung am Verpflegungsstand, Blutvergiftung durch aufgescheuerte Blasen....wenn der Tod kommt, nimm reichlich, es ist genug für alle da....und das Sterben in Laufschuhen liegt voll im Trend.

28.06.2005