"Go with the flow" - so laufe und ticke ich heute....

„Go with the flow"

Und heute? Mein Körper benimmt sich immer noch wie eine Kreuzung aus Waldorfschüler und Psychopath – er macht meistens was er will und ist selbst für mich, die ich mich doch am längst und besten kenne, kein Stück berechenbar. An manchen Tagen laufe ich mit ihm allerlockerst wie die Laufgöttin in persona im glatten 6er-Schnitt über Berge und Täler und gerate kaum ins Schwitzen, an anderen Tagen wiederum erscheint mir eine Pace von 7 Min./km als unglaublich anstrengend und meine Lunge imitiert Emma, die Lokomotive der Augsburger Puppenkiste, während mir der Schweiß in Sturzbächen in die Augen läuft. Ein System scheint’s da nicht zu geben – manches Mal schleppe ich mit müde und mit unerträglichen Spannungskopfschmerzen auf dem Zahnfleisch aus der Firma und auf die Laufstrecke, in der festen Annahme, heute lauftechnisch auf keinen grünen Zweig zu kommen – und doch schaltet mein Korpus Psychopathi überraschend auf „Volle Dröhnung" und es entwickelt sich nach wenigen Minuten zu einem Lockerleichtlauf der Güteklasse A, wohingegen mein Leib sich in ausgeschlafenem, entspannten Zustand oft wider Erwarten in einen steifen Holzklotz verwandelt, sobald ich ihm die Laufschuhe über die Füße gestreift habe. Doch im Gegensatz zu „früher" lasse ich meinen widerspenstigen Körper gewähren und zwinge mich in kein Trainingsplan- oder „Ich will aber!"-Korsett. Wenn sich nach ein paar Kilometerchen zeigt, das es ein Leichtlauftag wird, dann laufe ich eben länger oder schneller – wenn’s sich zu einem Emma-Lauf entwickelt, lasse ich meine Lunge eben schnaufen, meine Schweißporen fluten und laufe halt langsam und kürzer...."go with the flow".

Trotz aller Zen-Weisheit packt mich gelegentlich noch die Laufkrise am Schlafittchen, in Form von „Wäh, warum bin ich bloss immer so langsam?" und „Äääh, warum kann ich nicht so schnell rennen wie XY, der doch viel älter ist als ist und dicker und gerade erst mit Laufen angefangen hat...?" Zum Glück gelingt es mir fast immer, nach ein paar herumgefrusteten Stündchen der Laufkrise ein knappes „Weil ett halt so ist!" entgegenzuschleudern und sie damit aus meinen wirren Kopp zu vertreiben. Zum Glück hallen die Erinnerungen an überzogenen Ehrgeiz und daraus resultierenden Verletzungen und Frust, mit denen ich meinen Körper in der Zeit „vor LVP" (vor langer Verletzungspause) traktiert habe, in solchen Fällen so nachhaltig in meinem Oberstübchen, das mir die entsprechende Gelassenheit angesichts der fabulösen Leistungen Anderer doch wieder recht leicht fällt...

Und was ist mit’m Pulsator?

Meine Pulswerte interessieren mich schon lange nicht mehr, ich richte mein Lauftraining vielmehr schon längst nach meiner MaxKeuchjaps aus – wenn eine lockerflockig-meditative Atmung und leise Kampfgesänge problemlos möglich sind, signalisiert mir das „Da geht noch watt!", wenn ich jedoch nur noch abgehackte Wortfetzen aus meinen glühenden Atemwegen herausquälen kann, zeigt mir das deutlichst, das ich wohl die Temposchraube geringfügig zurückdrehen sollte – diese Meßmethode ist simpel, jederzeit und allerorts durchführbar, zuverlässig und kostet nüscht. Der einschnürende Brustgurt fristet in irgendeiner Schublade sein Dasein und der blöde Pulsator, der mich dereinst so gestreng dominierte, ist schon längst saft-, kraft- und batterienlos in Vorruhestand gegangen.

Und die Wettkämpfe?

Naja, Wettkämpfe im wörtlichen Sinn laufe ich nicht mehr – um mich richtig zu quälen, zu schinden und alles Mach- u. Laufbare aus mir herauszuholen, fehlen mir einfach Ambition, Kampfgeist und Ehrgeiz. Bei den beiden einzigen Läufen, wo mir ein für meine Verhältnisse relativ ehrgeiziges Zeitziel vor Augen schwebte, führten quälbedingte Sinnkrisen und Trotzphasen während des „Wettkampfs" dazu, das ich um Haares- bzw. Sekundenbreite am Zeitziel vorbeigeschlittert bin –wodurch ich am Ende zwar trotzdem irgendwie stolz, aber nicht wirklich zufrieden war. Die beiden Läufe, bei denen ich ohne jegliche Vorstellungen und Ambitionen an den Start gegangen bin (15 km in Bertlich 2004 und Mainz-HM 2005) waren hingegen der pure Spaß, auch wenn sich so manchem Ehrgeizling angesichts meiner infamen läuferischen Anspruchslosigkeit die schwarzverfärbten Zehennägel aufgerollt haben dürften.

Fazit: Das Wort „Wettkampf" verbindet zwei Dinge, mit denen ich mich als Läuferin nicht mehr identifizieren mag – um die Wette laufen tu’ ich allerhöchstens mit mir selber und „kämpfen" möchte ich in meiner Freizeit schon mal überhaupt nicht mehr. Das restliche Leben ist zum Teil schon stressig und anstrengend genug, ohne das ich mich für mein Hobby auch noch quälen, frusten und unter Druck setzen muss. Prinzipiell würd’ ich ja schon gerne mal einen Zehner unter ‚ner Stunde oder einen HM unter 2 Stunden laufen – aber so brennend, das ich dafür das gestrenge Reglement eines Trainingsplans und jede Menge Disziplin, Tempotraining und Intervallschnickschnack auf mich nehmen würde, ist der Wunsch dann doch wieder nicht....vielleicht passiert’s ja irgendwann mal zufällig. Und wenn nicht – auch wurscht!

Die Bezeichnung „Volkslauf" hingegen ist mir sehr genehm und damit kann ich mich auch sehr gut anfreunden – sollen die „Wettkämpfer" doch ihren Zeitzielen und Platzierungen hinterherrasen. Laufen und laufen lassen, soll jeder nach seiner Fassong selig werden - ick bin jedoch ein Volksläufer! (Hmmm...klingt schon ein bißchen wichtigtuerisch, wie ich finde...)

Wobei ich ab und an im „Training" tatsächlich Lust drauf habe, richtig zu rennen, bis mir das Herz in den Ohren rauscht – und wenn dann hinterher eine 5 (oder gar eine VIER!) vor der Pace auf dem Display meines Forerunners steht, dann freu’ ich mir ein Loch in den schwitzigen Bauch und bin selbstverständlich die Königin der Welt...aber so einen richtig hohen Stellenwert hat mein Lauftempo für mich dann auch wieder nicht. Ich lauf’ halt...vor mich hin...3-4x die Woche, mal mehr, mal weniger gut – das ist irgendwie schon alles. Einen „Schweinehund" gibt’s bei mir nicht – oder ganz, ganz selten – „aufraffen" muss ich mich eigentlich nie zum Laufen, warum auch? Schließlich tut’s mir gut und macht Spaß, dazu muß ich mich nie zwingen, ist doch paradox.

Idole...?

Nicht wirklich! Hinter jeder guten Laufleistung steckt Ehrgeiz, den ich nicht habe – zielgerichtetes Training, das ich nicht machen will und Talent, das mir abgeht – von daher jucken mich die Ergebnisse „der Anderen" kaum und auch eine Marathonendzeit von 2:30 Std. bringt mich nicht mehr dazu, mich vor Bewunderung und Neid im Staub zu wälzen, zumal erfahrungsgemäß eine solche Leistung einen Menschen weder spannender noch interessanter macht. Da Ausnahmen natürlich die Regel bestätigen, gibt es einige wenige spannende Extremläufer(innen), die tolle Menschen sind UND tolle Laufleistungen vollbringen – die werden dann natürlich auch von Zeit zu Zeit von mir angehimmelt und bewundert.

Wie wär’s mal mit Marathon?

Börks! Aus jetziger Sicht – NEVER! Zum Einen kann ich mir partout nicht vorstellen, mehr als 4 Stunden am Stück zu laufen (Hölle, Hölle, Hölle) und zum Anderen hängt mir alleine das Wort „Marathon" an kilometerweit zu den Ohren raus. Der ganze Medienhype, der neuerdings um den „Mythos Marathon" gemacht wird, geht mir schon so auf die Nerven, das die berühmten 42,195 km für mich schon jeglichen Reiz verloren haben. Plötzlich meint jeder grauschläfige Familienpapa, er müsse sich unbedingt noch was beweisen und Marathon rennen.

Der Dialog
Hinz und Kunz: „Ach, sie LAUFEN? Marathon?"
Ich: „Nö, allerhöchstens Halbmarathon...und so..."
Hinz und Kunz: „Ja, und warum laufen sie nicht mal RICHTIG?"

führt – da schon 1000fach geführt – bei mir allerhöchstens zu grösstem Amüsement statt einer Marathon-Anmeldung. Wo man hinguckt und hinliest, Marathon, Marathon, Marathon...als wenn’s keine anderen Streckenlängen mehr gäbe...brrr...für mich ist der „Mythos" ausgelutscht und abgelaufen und interessiert mich nicht die Bohne. Natürliche nehme ich mir jederzeit das Recht heraus, meine Meinung zu ändern – bislang juckt es mich angesichts einer dichtgedrängten Läuferschlange und 42,195 km über Asphalt oder Stock und Stein aber nicht in den Füssen....und wenn doch, dann kann’s wohl nur ein Mückenstich sein....

Wenn überhaupt, dann sehe ich mich vor meinem inneren Träumer-Auge eher noch als Biel-Finisherin in der W60 oder W70 mit grauem Haar, als in jüngeren Jahren mit einer Marathon-Finisher-Medaille um den Hals – aber wer weiß schon was kommt....ett kütt wie ett kütt...hab’ ja noch mein Leben lang Zeit!

Laufphilosophie?

Ähm..."Go with the flow"...? Oder "Run with the flow"? Oder bloss "Laufen und laufen lassen"..."Jeder Jäck iss anders", "Ett kütt wie ett kütt"....der geneigte Leser möge sich irgendwas aussuchen...

Mit freundlichen Füßen,

Frollein Grünhorn

(Stand 12.08.2005 felsenfest in Stein gehauen – aber mit Lizenz zur Meinungsänderung)