Der Große Pulsator - Teil 1
Mit dem Einzug des großen Pulsators in Form von Pulsuhr nebst
Brustgurt in mein Läuferleben nahm die unbeschwerte, sorglose Zeit
des BWDBH ein Ende. Mit der gestrengen Vorgabe einer Bekannten (ihres
Zeichens Physio- und Sporttherapeutin, also in meinen Augen allwissend
und unfehlbar), mit einer Herzfrequenz von allerhöchstens 140
Schlägen in der Minute (Zu hoher Puls sei gefährlich!...und naja,
ich glaubte das einfach mal) zu traben, schnürte ich meinen Brustkorb
in einen schwarzen, scheuernden Plastikriemen, wollte mir die Schuhe
schnüren und los...traben...als....was war das denn? Eine mahnende
120 blinkte auf dem Display der Pulsuhr! Uff, und dabei hatte ich noch
nicht mal meine Schuhe zugemacht? Ein Meßfehler, ganz bestimmt –
optimistisch hoppelte ich in den heimischen Wald, als die kleine Uhr
alsbald nicht nur mahnend zu blinken, sondern zudem noch hektisch zu
piepen begann. Rasant stiegen die angezeigten Werte über 150 bis zu
160 und der Schreck schnürte mir die Kehle zu (obwohl ich ansonsten
noch ausnehmend gut bei Puste war....aber wenn’s doch auf dem
Display steht!) Ängstlich machte ich eine Gehpause, doch die
blinkende Zahl sank nur unwesentlich nach unten, und erst ein
kompletter Stillstand für einige Minuten ließ die beruhigende
140....135...130...120..auf der Uhr erscheinen. Höchstmotiviert
trabte ich wieder an, wenige Minuten später stoppte mich wieder ein
hysterisches Piepen am Handgelenk und eine panische 170. Von
Läuferglück keine Spur mehr – ich trabte, ließ mich anpiepen,
erschreckte, blieb stehen, trabte wieder an und wurde halb wahnsinnig
darüber.
Wieder daheim angekommen, befragte ich höchst verzweifelt die
Google-Glaskugel um Infos über Pulswerte und bekam allerlei
wundersame Begriffe wie „Faustformel 220 minus Lebensalter",
„Fettverbrennungspuls" und „anaerobe Zone" um Ohren und
Augen gehauen. Demzufolge war ein in schwindelnden Höhen wankender
Pulswert wie meiner ein Zeichen von fehlender Fitness – oder
schlimmer noch, gar auf Dauer gefährlich für Leib und Seele. Und
besagte Physiotherapeutin zeigte sich entsetzt angesichts meiner
Offenbarung einer Herzfrequenz um die 170 Schläge und erzählte mir
mahnend mit unheilvoll gerunzelter Stirn von einer sog. „anaeroben
Zone" und das meine Muskeln bei diesen Pulswerten nicht richtig
mit Sauerstoff versorgt würden und somit gar die Verletzungsgefahr
anstiege. Ich konnte es kaum fassen, das ich nach fast 3 Monaten BWDBH
immer noch in einem derartig katastrophalen Fitnesszustand war und
gleichzeitig mit jedem weiteren Hoppel-Tag dem Verletzungsteufel
weiter in die Arme lief! Nicht mööööglich! Auf diesen Schreck hin
verschlang ich gleich eine 300g-Tafel Vollmilch-Nuss.
Da ich mich bis zu diesem Tage noch niemals mit Sport, Fitness,
Medizin und den Funktionen und Abläufen in meinem Körper
beschäftigt hatte, nahm ich alles, was mir Physiotherapeuten,
selbsternannte Experten und Mr. Google an Infos in den entsetzten
Rachen war, für bare Münze und empfand es als das heilige
Sportlerevangelium, an dem es nichts zu rütteln gab. In diesem Moment
kam mir gar nicht erst der Gedanke, das auch Experten Unrecht haben
könnten und Herr Google nicht nur Wahres, sondern auch vielerlei
Unsinn und weitverbreitete Irrtümer ausspucken könnte. Der Gedanke,
das jeder Mensch ein Individuum ist, anders empfindet, fühlt und
tickt und es somit keine allgemeingültige Wahrheit für alle Körper
dieser Welt geben kann, kam mir erst später, über ein ganzes Jahr
später sogar – zum Glück für meine Läuferseligkeit jedoch noch
nicht ZU spät.
- Fortsetzung folgt -
....Fortsetzung folgt....