Lungenhackfleisch und Atemnot



Eigentlich sollte ich an diesem Morgen voller Energie aus dem Bett springen, frisch und spritzig in die Küche schweben, ein munteres Liedchen trällern und überhaupt sollte mir die Lebenskraft nur so aus den Poren spritzen - schliesslich war ich nun schon satte 7 Tage nikotinfrei! Stattdessen schlurfte ich genauso müde und muffelig in die Küche wie jeden Morgen, gähnte markig, versuchte meine vom Schlaf verquollenen Sehschlitze auf passable Guck-Grösse aufzureissen und fühlte mich von den Göttern betrogen und von allen missionierenden Ex-Rauchern gründlich verarscht - von wegen "neues Leben" und "jede Menge Energie" und hassenichtgesehen. Eine ganze Woche lang hatte ich jetzt geflucht, geschwitzt, gebibbert, gejammert und sogar meine Lieblings-Teekanne an der Wand kaputtgeschmissen vor lauter Nikotinschmacht - um mich am Ende genauso zu fühlen wie vorher, nur das im Spiegel die glimmende Kippe in meinem Mundwinkel fehlt? Betrug!

Während ich nun reichlich morgenmuffelig meinen Morgenkaffee schlürfte und meine Morgenzigarette vermisste, beschloss ich, mein Energie-Schicksal eben selbst in die Hand zu nehmen...wenn sich Fitnessgott Laktatus schon einen Scheiss für mich interessierte. Bis auf die Tatsache, das keine 30 Zigaretten am Tag mehr meine Atemwege zukleisterten, hatte sich an meinem nicht wirklich gesunden Lebenswandel durch den Nikotinentzug ja nicht viel geändert - immer noch viel zu wenig Schlaf, kein Sport, und wenn frische Luft dann nur zufällig, dazu tonnenweise Fastfood und Schokolade, Vitamine? Mitnichten (und auch nicht mit Neffen) Nun, diese Schweinerei musste eine andere werden! Und zwar heute! Laufen würde ich, laufen...wie ein junges Reh, jawohl!

Allerdings schleuderte mich die Realität am gleichen Abend recht unsanft vom "Jungen-Reh-Thron", als ich nach 3 Minuten im Laufschritt Fußabdrücke auf meiner heraushängenden Zunge hinterliess und mir meine Lunge als gequirltes Hascheé den Schlund heraufzuklettern drohte - ja, was denn NOCH, ihr Götter? Eine geschlagene Woche lang habe ich mich gemartert und gequält und dem bösen, bösen Nikotinteufel widerstanden....und DAS ist jetzt der Dank? Zutiefst enttäuscht legte ich eine Gehpause ein und fühlte mich erst nach gefühlten 2 Stunden wieder in der Lage, einen erneuten Trabversuch zu wagen - nach 2 Minuten das Gleiche in grün, bzw. rot (meine Gesichtsfarbe) und schwarz (die Hintergrundfarbe meines Blickfeldes).

Nach ca. 20 Minuten war ich komplett erledigt, meine Beine hatten die Konsistenz von Muddis Puddings angenommen und ich dachte kurz darüber nach, meine Lunge in kleinen Häppchen auf den Gehweg zu spucken, entschied mich aber aus Gründen der Ästhetik dagegen. Somit konnte man meinen ersten Laufversuch also getrost als "sowatt von in die Hose gegangen" bezeichnen. Sportlich, dynamisch, kraftvoll? Drauf geschissen!

Eine warme Dusche später und nach einer riesigen Tafel Milka-Haselnuss, die ich glaubte mir durch die Keucherei verdient zu haben, ging ich mit mir in Klausur , besprach mit meinen diversen Persönlichkeiten die weitere Vorgehensweise und legte einen Ablaufplan für weitere sportive Betätigungen fest. Zugegebenermassen war es reichlich naiv von mir zu glauben, alleine durch Nikotinentzug plötzlich und unerwartet zu Ausdauerhöchstleistungen fähig zu sein, wo ich doch Zeit meines Lebens niemals irgendeine Art von Sport betrieben hatte und selbst den blöden Schulsport in schöner Regelmässigkeit geschwänzt hatte, um stattdessen hinter der Turnhalle mit den coolen Jungs aus der Nachbarklasse heimlich ein paar coole Zigarettchen zu rauchen.

Die pudelnackische Wahrheit war, ich konnte keine 5 Minuten am Stück laufen, ohne das Gefühl zu haben, glühende Lava zu atmen und meine Omma-selig am anderen Ende des langen schwarzen Tunnels zu sichten, eine Tatsache die mir bei diesem abendlichen Dämmerlicht betrachtet irgendwie schon reichlich peinlich erschien. "Nun, Frollein" sprach ich alsbald tröstend tröstend mit mildem Stimmlein zu mir selbst "wenn Du keine 5 Minuten am Stück laufen kannst, läufste halt erstmal nur 3, nützt ja nix!" Heureka! Weise Erkenntnis, für die ich mir selber auf die schlappe Schulter klopfte.

Am Folgetag liess ich meine Erwartungen zuhause, tapste 3 Minuten, ging ein Stückchen, tapste wieder 3 Minuten, schwitze, keuchte und war zufrieden. Ich hatte zwar keine sportlichen Höchstleistungen vollbracht, aber meinen nikotinisierten Lungenflügeln ein wenig Sauerstoff zugefächelt und meinen trägen Couchkartoffelkörper durch die Botanik bewegt – vielleicht will gut Ding tatsächlich Weile haben...

Tags drauf bewältige ich schon unglaubliche 5 Minuten am Stück, und im Laufe der nächsten Tage und Wochen schwitzte und hoppelte ich mich über 7 und 10 bis hin zu „amazing fifteen"....zum Glück war mir bis dato nichts über die Streckenlänge bekannt, die ich in diesen 15 Minuten zurücklegte, und dankenswerterweise fehlten mir jegliche Vergleichsmöglichkeiten mit anderen Läufern. Und – der Vollständigkeit halber – als „Läufer" bezeichnete ich mich auch gar nicht, genauer gesagt hatte ich überhaupt keine Bezeichnung für das, was ich da allabendlich vollführte, und machte mir auch keinen Kopp drum...ich schnürte mir einfach die Schuhe, sprang in die Baumwoll-Dschoggingbüxe und hoppelte los.