Es
würgt in der Zugspitzarena...
1. Zugspitzarenalauf
2005
Vielleicht hatte ich auf
das zaghafte Wispern meiner inneren Stimme hören sollen, die mich ganz
schüchtern und vorsichtig fragte, ob ich es wirklich für eine gute
Idee halte, den zugegebenermassen irgendwie komisch aussehenden
Mozzarella samt Tomate und Brot als Läuferfrühstück zu verspeisen –
aber da ich einen extrem robusten Pferdemagen habe, den ich an den Tagen
vorher schon kräftig durch den Einwurf von Kaiserschmarrn,
Palatschinken, Pizza und Würstl trainiert hatte, brachte ich das
Stimmchen mit einem energischen „Ach, Schnick-Schnack“ zum
Schweigen, verschlang mein Frühstück, warf noch eine Banane hinterher
und begann, meinen „Gebäck-ch-sack-ch“ für den in wenigen Stunden
stattfindenden 1. Zugspitzarenalauf im herrlichen Tirol zu packen. Ein
Lauf um den wunderschönen Blindsee einige Tage vorher hatten mich
richtig heiss gemacht auf diesen Lauf und auch die angedrohten „knack-ch-igen“
Steigungen liessen mich eher vor Vorfreude sabbern als vor Ehrfurcht
bibbern. Zuspitzarena – ich komme! Und ich mach' Disch platt!
Eine halbe Stunde später ist mir komisch und meine Magengegend fühlt
sich bestenfalls blümerant an. Der halbe Liter Apfelschorle, den ich
bei der Lagebesprechung mit meinen Mitläufern hinterhergiesse, verstärkt
das Unwohlsein spürbar und mein Magen beginnt ein unkontrolliertes
Eigenleben mit Grummeln, Ziehen, Rumpeln und Sich-Aufpusten.. Einen
leisen Anflug von Panik schlucke ich mitsamt dem leichten Würgereiz
energisch herunter, sind ja schliesslich noch ein paar Stunden bis zum
Start – dös basst scho! Und was nicht „basst“ wird irgendwie „bassend“
gemacht, wird schon wieder werden. Ich will, ich will, ich will!
Auf dem Weg zum Bahnhof ist mir nicht mehr komisch, sondern schlecht, ab
und an kriechen mir kalt-warme Schauer den Rücken rauf und wieder
runter und langsam sinkt meine Vorfreude gen Keller. Mich dünkt, der
Lauf wird wohl nicht so entspannt und spassig werden wie ich mir das
vorgestellt habe. Auf der Fahrt zum Start rumpelt mein Magen im Einklang
mit dem Zug und Hitze- und Übelkeitswallungen geben sich die Klinke in
mein Magentürhand. Ich bemühe mich um ein dummes Gesicht (klappt!) und
einen guten Eindruck (naja...) und blecke unablässig meine obere
Zahnreihe, um Fröhlichkeit und Zuversicht vorzutäuschen – vielleicht
gelingt es mir ja, meinen Magen mit gespieltem Wohlbefinden zu übertölpeln.
Im Startbereich wird es nicht besser, weder ein zaghaft genippter Becher
Wasser noch ein von Uschi fürsorglich angebotenes Kirschbonbon überzeugen
meinen würgenden Schlund, sich wieder zur Ruhe zu setzen. Bevor ich
jedoch alle Hoffnung fahren lasse, hoffe ich auf die wohltuende Wirkung
von leichter Bewegung und frischer Luft und drücke mir selbst unauffällig
die schwitzigen Däumchen, das sich mein allgemeines Unwohlsein nach dem
Startschuss und ein paar lockeren Laufschritten in Wonne und
Wohlgefallen auflöst. Ich fahr' doch keine 600 km in die Alpen um dann
unverlaufener Dinge und unbemedaillent wieder heimzutuckern...mitnichten,
und auch nicht mit Neffen! (Börks, ist mir schlecht!)
Aufgrund einer Beerdigung, die kurzfristig in Ehrwald anberaumt wurde,
verschiebt sich der Start um eine halbe Stunde, Sprecher Peter schildert
begeistert den Streckenverlauf und die visuellen Schmankerl, die uns Läufer
nach dem Startschuss erwartet, ich würge duldsam vor mich hin und frage
rein prophylaktisch bei Uschi nach, ob den für mich wohl noch ein Plätzchen
im Groupiemobil frei wäre...nur für den Fall der Fälle...man weiß ja
nie... Uschi sichert mir zu, das sie mich im Falle eines
Wettkampf-Abbruchs jederzeit irgendwo an der Strecke aufsammeln und nach
Ehrwald karren könne, was mich ungemein beruhigt – nur für den Fall
der Fälle natürlich, man weiß ja nie...(Börks, ist mir schlecht!)
Endlich, der Startschuß, die Zuschauer klatschen, die Läufer laufen
– mir ist ganz zittrig, aber bestimmt bringen ein paar Laufschritte
rasche Erholung. Wenige Meter später verhindert nur meine Bewunderung für
die Schönheit der Landschaft, das ich meinen Mageninhalt in die
tirol'sche Botanik entleere und ein paar heimliche Würger später wird
mir dann doch klar, das es heute nix wird mit „knack-ch-igen“
Steigungem, mit Zieleinlauf und Medaille und überhaupt...und das wo ich
mir so fest vorgenommen hatte, niemals einen Wettkampf abzubrechen und
dann auch noch ausgerechnet DIESEN Lauf, auf den ich mich so gefreut
hatte und...ach ja...nützt ja nix... (Börks, ist mir schlecht!)
Volkmar begleitet mich tapfer gehend und aufmunternd bis zum ersten
Groupie-Standpunkt, wo ich dankbar ins Uschimobil plumpse, mir die
Kapuze meiner Jacke über die Ohren ziehe und meine Konzentration darauf
verwende, auch hier in den weichen Polstern meinen Mageninhalt bei mir
zu belassen, damit die Besitzerin des Autos ihr freundliches Angebot
nicht etwa noch bereuen muss. Sabine deckt mich mütterlich mit ihrer
Regenjacke zu und tätschelt tröstend mein schwitziges Ärmchen, während
ich innerlich mein „Jetzt bloss nicht kotzen!“-Mantra herunterbete.
Und während vom Kirchplatz der Jubel der Fans und Finisher in mein Ohr
dringt, gucke ich mir die Toilettenschüssel unserer Ferienwohnung
ausgiebig von innen an - und belgeitet von Musik und Klatschen aus dem
Zielbereich stelle ich fest, das Österreichs Klo sauber bis unter den
Rand sind. Wäre ich nicht mit Würgen, Spucken, Schwitzen und Zittern
vollkommen ausgelastet, würde ich wohl auch ein paar traurige Frusttränchen
in die Kloschüssel weinen, aber zum Heulen hab' glücklicherweise ich
keine Kapazitäten mehr frei. Nachdem ich meinen Magen mehrfach nach außen
gedreht und gründlichst geleert habe, schlurfe ich mit zittrigen Läuferbeinchen
zur Couch, sinke schwitzig ins Kissen und beende den Tag des so freudig
herbeigesehnten Zugspitzarenalaufs damit, das ich umgehend in gnädigen
Schlaf falle und mir keine Gedanken um mein Finishershirt, das leider
nur ein Startershirt geworden ist, machen muss und auch nicht darüber,
das ausgerechnet der allererste Lauf in dieser wunderschönen Gegend
mein erstes Do-not-finish geworden ist und überhaupt...wie doof das
doch alles ist!
Bereits am kommenden Morgen verhöhnt mich mein Magen wieder mit bestem
Wohlbefinden, und bis auf ein leichtes Zittrigkeitsgefühl in den Knien
scheint alles nur ein würgender Alptraum gewesen zu sein...wären da
nicht das Zugspitzarenalauf-Nichtfinisher-Shirt auf dem Tisch, das
fehlende Zielfoto „Ich mit Medallje ummen Hals“ und das „Es konnte
kein Eintrag gefunden werden“ unter meiner Startnummer in der
Ergebnisliste. Und statt eines unglaublich weisen Abschlusswortes fällt
mir auch bloss „Verflucht schade, aber so isset eben“ ein....
Immerhin - den wunderschönen Blindsee-Lauf sowie viele andere tolle
Urlaubseindrücke aus Tirol hab' ich im Erinnerungssack und den kann mir
kein verkorkster Magen wieder wegnehmen - ha!