Schwebeflug im
Zeitraffermodus
Röntgenlauf 2006
„Ach Du
Scheiße!“ murre ich unwillig angesichts der langen Warteschlange an
der HM-Startnummernausgabe, bis mich Frank darauf hinweist das sich
unser Startpaketchen doch in der Kiste unter dem Schild „Marathon“
befindet. Stimmt ja....Marathon...da war doch was – das war ja der
eigentliche Plan. Und ein Plan mit der Überschrift „Marathon –
Ziel: Ankommen“ hing eine ganze Weile an meinem Kühlschrank und warf
mir so lange böse Blicke zu, bis ich entschied, das mein Körper und
vor allem mein Kopf definitiv noch nicht bereit war für diese lange
Strecke und den Plan dem ewigen Müllverwertungskreislauf zuführte. Und
da Mandy und ich am Röntgenlauf-Vorabend beschlossen haben, das wir
dieses Jahr noch nicht sterben und nächstes Jahr auch nicht und wir
deshalb noch viel, viel Zeit für tolle und auch lange Läufe haben
werden wenn wir sie denn wollen, weine ich dem Plan auch keine Träne
nach.
Nach einem gemütlichem
Herumlungern an der Hotelbar mit Frank, Mandy, Steffen, Fidi und Mr.
IronFish und zwei Bieren, die meinen Verstand schon reichlich duhnig
gemacht haben, taumele ich vor mich hinkichernd (ich vertrach' ja jar
keenen Allohol, wa?) in die Hotelschlafstätte. Den Grund warum mein
linkes Auge in der Nacht (in der ich stündlich aufwache und auf die Uhr
gucke) ständig tränt und sich irgendwie doof anfühlt identifiziere
ich am Wettkampfmorgen als eine vor dem Bettfein-Machen im Auge
vergessene Kontaktlinse, die dort die ganze Nacht herumgeschwommen ist.
Naja..ich vertrach' halt jar keenen Allohol....
Flugs ist das Dings
herausgepult, das Läuferfrühstück verschlungen und aus dem Hotel
ausgecheckt – Wagons ho, die Wagen westwärts, es geht los. Vor dem
Start muss ich noch eine ganze Flasche Wasser süffeln, 150 x auf
Toilette, ca. 10 – 15x von einem Bein aufs andere springen und ca. 150
Leute vollquatschen. Frank hat Mandy und mich zwar angewiesen, keine
fremden Männer aufzureißen, aber dennoch kommen wir nicht umhin, in
der Schlange vor dem Klo ein wenig herumzualbern und ein paar fremde Männern
anzulächeln. Besonders ein Exemplar lächelt besonders nett zurück und
bekommt deshalb auch zusätzlich noch Glück gewünscht. Hat er sich
verdient. So.
Im Startbereich würde ich am
liebsten mit den Hufen scharren, wenn ich den welche hätte. Es soll
jetzt endlich bitte losgehen, bitteschön. Luja sog i! Der Sprecher lässt
sich aber nicht von mir hetzen, sondern berichtet in einer Seelenruhe über
den Zustand der Laufstrecke, begrüßt diverse Vereine, stellt
prominente Teilnehmer vor...und GEHT MIR AUF DEN NERV! Ich will laufen
– luja sog i! Ich verkürze mir die Wartezeit, indem ich kontrolliere
ob alle umstehenden männlichen Läufer auch ordentlich ihre Brustwarzen
abgeklebt oder eingeschmiert haben. Im letzten Jahr habe ich zum ersten
Mal gesehen, wie blutig und schmerzhaft es aussehen kann, wenn man das
NICHT tut...und der Schreck sitzt immernoch tief. Brrr.
Endlich wird der Countdown zurückgezählt
– in der Aufregung vergesse ich zwar, welche Zahl hinter 8 und vor 6
kommt, aber der Startschuß fällt dennoch nach der EINS! und der Läuferknubbel
setzt sich (mit abgeklebten oder eingeschmierten Brustwarzen) in
Bewegung. Mein Herz wummert vor lauter Vorfreude hektisch in meinem
Brustkorb herum als wir endlich mit fröhlichem PIIIEP! über die
Startmatte hoppeln. Wir sind drin. Wie schön....
Die ersten zwei Kilometer und
der erste kleine Anstieg fliegen im Zeitraffer an uns vorbei – wir fühlen
uns rasend schnell. Wir haben jedoch keine Ahnung WIE schnell, da wir
keine Uhr dabei haben...aber man ist ja immer so schnell wie man sich fühlt,
woll? Also: Die ersten beiden Kilometer flogen im gefühlen
4:30er-Schnitt an uns vorbei. Jawoll!
„Hallo Frollein Grünhorn“
tönt es plötzlich hinter uns und aus dem Läuferknubbel winkt Conny,
unsere tolle HM-Supporterin aus dem Vorjahr. Juchhe, Freude! Wir
plaudern eine Weile, aber da Conny im gefühlten 3:30er-Schnitt
unterwegs ist, können wir trotz unseres raketenartigen Tempos nicht
mithalten und müssen sie leider ziehen lassen. Man muss ja nicht gleich
übertreiben. Oder überpacen. Oder so.
Nach gefühlten 10 Minuten
rauscht das 5. Kilometerschild an unseren Gazellenbeinen vorbei – 5
km? War watt? Wahnsinn....5 km in 10 Minuten sind ja schon ziemlich
respektabel. Plötzlich hält neben uns eine Portion Lauftestosteron und
grinst „Hallo!“ Und entgegen Franks Anweisung freuen wir uns, den lächelnden
Mann vom Klo wiederzutreffen. Da es nun aber niemand verdient hat, als
„der Mann vom Klo“ in irgendeinen Laufbericht einzugehen, frage ich
noch artig nach seinem Vornamen, den er mit „Ralf“ angibt. Unser
euphorisches Geplapper im Duett scheint Ralf aber so zu schrecken, das
er die erste Möglichkeit einer Bergab-Strecke nutzt, um sich mit einem
„Ist das herrlich“ in die Tiefe zu stürzen und seine Ohren vor
unserem Geschwätz in Sicherheit zu bringen. Und wech isser....Ralf, der
Mann vom Klo. So kann's gehen.
Da wir am Vorabend nicht nur
beschlossen haben, nächstes Jahr nicht zu sterben (und übernächstes
Jahr auch noch nicht) sondern auch die Prioritäten im Herbst 2007 auf
zwei andere Laufveranstaltungen zu legen, laufen wir mit dem Gefühl,
das dies für längere Zeit unser letzter Röntgenlauf ist. Fast schon
feierlich weisen wir uns gegenseitig bei besonders schönen Passagen
darauf hin, die Eindrücke feste in uns einzusaugen und in die
Erinnerung einzubrutzeln. Und da die Laufstrecke im Grunde ausschließlich
aus schönen Passagen besteht, saugen wir den kompletten Weg ins uns auf
bis kein Hälmchen und Stöckchen mehr davon übrig ist. Es tut uns auch
ein wenig leid für die nachfolgenden Läufer, das wir ihnen nun den Weg
weggesaugt haben – aber die hätten sich ja nur ein wenig beeilen müssen.
Selbst schuld.
Um uns herum schwirren die üblichen
Floskeln der läuferischen Testosteron-Tiefstapelei durch den Wald -
„Nee, ich hab ja gar nicht trainiert, das ist mein erster Lauf überhaupt
seit langem!“ (Nee, iss klar...) „.....7 Monate überhaupt nicht
gelaufen“....(Ja, ja...) „...nicht in Form, deswegen nur den
Marathon!“ (Genau!) „Ihr lügt doch alle!“ verkündet Mandy empört
und ich schiebe noch ein „Genau, ihr Streber“ hinterher – wir
lassen uns nix vormachen, wir wissen wo der Tiefstapel-Hase langläuft.
Pah. Und für den Fall, das uns jemand ob unseres Trainingszustandes
befragt, lernen wir schnell den Satz „Ich habe bis gestern noch im
Rollstuhl gesessen, und das ist der erste Lauf in meinem Leben“
auswendig – wenn Tiefstapelei, dann richtig.
Mein läuferisches Körpergefühl
ist einfach großartig – die Strecke ist so wunderschön, und das
Laufen fühlt sich so fließend und kraftvoll an, das ich vor lauter
Genießen fast gegen einen Baum laufe. Wir haben immer noch keine
Ahnung, wo wir sind und wie lange wir unterwegs sind....aber gefühlt
sind wir Raketen. Wir beschließen, gefühlte 2:10 Std. zu laufen, ganz
egal was die Uhr im Ziel uns auch anzeigen wird. Man ist so schnell wie
man sich fühlt...sach ich doch...
Einer der vielen Gründe warum
ich Mandy so sehr mag, ist die Tatsache das ihr Verstand wie ein
Flipperautomat ständig Gedankenbrocken hin- und herschießt um dann
unerwartet und unzusammenhängend skurile Hirnfetzen auszuspucken. Während
mein eigener Kopf nun also analog zur momentanen Situation „Och, ist
das schön hier zu laufen“ denkt, verkündet Mandy plötzlich „Wir
sind die Schwestern mit dem Gendefekt. Uns können einfach keine langen
Haare wachsen!“ „WATT?“ „Ja, wir werden doch immer für
Schwestern gehalten, bestimmt nur wegen der kurzen Haare!“ „Ähm...ja...bestimmt...“
So wird’s sein – die Schwestern mit dem Gendefekt. Genau. Und da wir
über diese Vorstellung minutenlang albern kichern müssen, bekommt der
Fotograf, der hinter der Kurve lauert, zwei lachende kurzhaarige defekte
Schwestern vor die Linse – hoffentlich macht er was draus. Sieht man
ja nicht alle Tage. Und dann noch zwei kurzhaarige gendefekte Schwestern
die gestern noch im Rollstuhl saßen und heute schon röntgenlaufen –
heureka!
Wir laufen und laufen und
genießen und saugen und reißen keine fremden Männer auf, bis Mandy
irgendwann zaghaft und leise murmelt „Irgendwie sind dieses Jahr gar
keine Berge da, oder?“ Stimmt...wir laufen gefühlt nur bergab und
irgendwie ist alles wunderbar unanstrengend, auch wenn sich doch langsam
ein Hungergefühl ankündigt. Schließlich haben wir die Vortage
ausschließlich mit Essen verbracht, und zwar bergeweise, da fühlt sich
so ein Magen nun schon ein wenig verarscht wenn über eine Stunde nix
mehr reinkommt. Oder über 2 Stunden? 3 Stunden? Wir haben wohl unser
Zeitgefühl mitsamt dem Weg eingesaugt und keine Ahnung, ob wir jetzt
schon 1,5 oder 2 oder 3 Stunden unterwegs sind...
„Noch 6 km bis zum
Halbmarathonziel“ kreischt eine Dame am letzten Verpflegungsstand
euphorisch und ich kreische mal anstandshalber euphorisch mit – obwohl
es tief in mir eher „Och nööö...ich will noch nicht!“ flüstert.
Ob ich nicht doch nach dem HM-Ziel ein bißchen weiterlaufen soll....?
Nur so'n bißchen? Aber Jo wartet ja auf uns im HM-Ziel und Junsa und
irgendwie kommt ja dann die ganze Rückfahrplanung durcheinander und außerdem
muss ich ja heute nicht ins Marathonziel – ich werde ja
bekanntermassen dieses Jahr noch nicht sterben und habe noch so viel
Zeit...für sowas....und man soll ja aufhören wenns am schönsten ist
– und schöner kann es eigentlich gar nicht werden.
Hinter der letzten großen
Kurve lauert der Gasthof „Zillertal“ wo der leise Geruch nach Ziel
ziemlich dominant von dem Duft frischgebackener Waffeln überdeckt wird.
Köstlich. Mein Magen verkündet leise, das er nichts gegen den Einwurf
einer solchen Köstlichkeit einzuwenden hätte und auch Mandy murmelt
bedauernd „Schön doof, das wir gerade so gar keine Zeit haben“
Wobei wir nach wir vor nicht wissen, wieviel Zeit genau wir „nicht
haben“. Macht aber nach wie vor nix.
Vor dem Gasthof sitzen 3
maximalpigmentierte Musiker in bunten Gewändern und bringen den Läufern
afrikanisch-angehauchte Gesänge dar, begleitet von lustigen Trommeleien.
Ich bilde mir ein, aus den Textzeilen in unverständlicher Sprache ein
„Loooos...beeeeeil'n!“ herauszuhören und bin empört. Von wegen „Hakuna
matata“ und so...sind die Musiker nur gekommen um uns zu hetzen? Aber
da wir bis gestern noch im Rollstuhl gesessen haben, lassen wir uns überhaupt
nicht unter Druck setzen, und schon gar nicht von fremden schwarzen Männern
in langen Kleidern - außerdem sind wir ohnehin raketenschnell und im
gefühlten 5er-Schnitt auf Sub2-Stunden Kurs. Man ist immer so schnell
wie man sich fühlt. So.
Irgendwann riecht das Ziel stärker
als die Waffeln und wir ziehen das Tempo an – gefühlter
4:00er-Schnitt, ganz wunderbar leicht und schwebend. Laufen ist schön!
Mit einem leisen „Schlurrp“ saugen wir auch das Zielpublikum und die
letzten Meter des Weges auf und fliegen ins Ziel. Das die Uhr dort
irgendwas um die 2:25 Std. anzeigt juckt uns nicht die Bohne – man ist
so schnell wie man sich fühlt. Jawollja.
Und würden sich die Beine,
die sich unter meinem Schreibtisch während des Schreibens dieses
Berichtes befinden, sich nicht ein kleines bißchen schwer anfühlen, würde
ich fast glauben ich hätte den Lauf nur geträumt, so wunderbar und
leicht wie es sich anfühlte gestern. Jede einzelne Minute war
gigantisch schön und – wie Mandy sagen würde – kein Ach! kam über
unsere Lippen. Für die nachfolgenden Läufer und auch die Röntgenstarter
im nächsten Jahr tuts mir natürlich leid, das kein Weg mehr da
ist...aber jeder Meter war köstlich!
Bruttozeit: 02:25:46
Nettozeit: 02:24:39
gefühlte Zeit: 02:09:59