Mythos light - oder
"Sunshine Reggae in der grünen Hölle"
Röntgenlauf 2005
26.10.2003
Bibbernd versuche ich, meinen
steifgefrorenen Fingerspitzen durch Mund-zu-Mund-Beatmung wieder etwas
Leben einzuhauchen. Kalt ist es hier in Remscheid, und der hämisch-schleichende
Schneenieselregen kriecht mir seit Stunden als feuchte Nässe bis in die
entlegensten Nähte meiner Winterkleidung. Fasziniert bestaune ich die
Ultraläufer, die hier nach 63 km in Ziel rennen – ich empfinde tiefe
Ehrfurcht angesichts dieser schlammverschmierten, nassen, rotgefrorenen
Helden mit ihren müden, aber strahlenden Gesichtern. In diesem Moment
wird mein Mythos geboren – irgendwann...ja, irgendwann will ich hier
auch mal einlaufen, schlammverschmiert und rotgefroren...irgendwann...
08.07.2005
Mit zitterndem Zeigefinger
klicke ich auf „Anmeldung abschicken“, hyperventiliere kurz, schucke
den bleischweren Kloß in meinem Hals entschlossen herunter und trage
mit dickem roten Edding „HM-Röntgenlauf “ ins Feld 30.10.2005 in
meinen Kalender ein. Grüne Hölle von Lennep – ich komme! Aber SOWATT
von! (Mama, ich hab' Angst....) Ja, Angst hab' ich wohl...vor den Bergen
und vor dem Mythos, aber gleichzeitig freue ich mich auch...auf die
Berge, auf den Matsch, auf den Schnee und den Regen und darauf das ich
endlich auch mal ein klitzekleines Bröckchen von meinem Mythos Röntgenlauf
abknabbern kann.
30.10.2005
„Hat jemand Sonnencreme
dabei?“ witzelt ein leichtbekleidetes Läufermännchen im dichtgedrängten
Startfeld. Komplett in Gänsehaut gehüllt, bibbere ich im ärmellosen
Hemdchen und kurzer Buxe vor mich hin. Frisch ist es – aber der
bereits kräftige ballernde Osram am Firmament sowie die
Thermometeranzeige (13°C) im Auto auf der Hinfahrt verheißen Heißes.
Während die Läufer asics- u. adidasscharrend auf den erlösenden
Startschuß warten, plaudern und witzeln, zerbröselt mein Mythos leise
zu Staub. Kein Schneeregen, kein Matsch, kein ängstliches, rothaariges
Läufergreenhorn alleine im Kampf gegen die Berge und die Naturgewalten
– stattdessen Sommer, Sonne, Vorfreude, reichlich Nervösität.... Und
Conny. Und Mandy. Und eine riesengroße leichtbekleidete Läuferschar...und
ich bin ein Teil davon. Endlich!
Nach dem Startschuß setzt
sich der lange Läuferwurm zähflüssig in Bewegung und wir mit – ich
bin unglaublich gespannt was mich erwartet, wie es sich anfühlen wird.
In den letzten Wochen habe ich immer wieder gemerkt, wie schwer es mir
doch fällt, Anstiege, Hügel und Berge zu laufen – ein kleiner Rest
Angst hat sich hartnäckig in meinen Nacken verbissen und lässt sich
nicht abschütteln. Na egal, dann nehm' ich die Angst eben mit.
Nach ein paar Kilometerchen
ist der erste Anstieg geschafft – und er hat gar nicht wehgetan. Also
beschliesse ich, die blöde Angst unauffällig irgendwo in den Rinnstein
von Lennep zu schnipsen und es einfach nur noch „hällisch“ zu
finden. Conny's Mann Sigi macht eine La-Ola für uns und ich finde es hällisch....Gregor
beteuert uns das wir locker aussehen – hällisch! Von links schreit
Regina uns zu, das der Weg das Ziel sei...ach, ist das hällisch....dann
verlassen wir den Ort und laufen in Wald und Feld hinein, und es wird
von Schritt zu Schritt hällischer und hällischer und hällischer. Die
wunderschöne Strecke ist Läuferglück pur, die anfangs von mir so
wenig erwünschte Sonne taucht Wälder und Felder in goldenes Licht, es
macht wahnsinnig viel Spaß mit Conny, Mandy und dem kräftig
berlinernden Ultraläufer, den Mandy unterwegs aufgerissen hat. Trotzdem
– ein Fünkchen Rest-Respekt hält mich davon ab, so schnell zu laufen
wie meine Beine es gerne ab und an würden....immerhin...die Berge...ich
weiß ja nicht was da noch kommt...in der grünen Hölle...
Plötzlich ruft ein
Streckenposten „Kilometer 17!“ und Mandy und ich antworten
lippensynchron zutiefst überrascht „WATT???“ Wie jetzt...? Sind wir
schon bald da...? Aber es hat doch gar nicht wehgetan....? Hällisch! Es
gilt noch einen allerletzten Anstieg hochzukraxeln....herrjeh, das macht
mich ganz kribbelig, auf diesem schmalen Weg hinter den anderen Läufern
hochzuklettern. Ich will vorbei! Weg da! Schafft Platz für Frollein Grünhorn!
Pffft, pffft!
Oben angekommen, bestätigt
mir Conny „Ab jetzt geht’s nur noch bergab“....und meine Füße
beginnen ein Eigenleben, schneller...und schneller...ist das hällisch!
„Kleene, nur noch einen Kilometer“ berlinert Mandy in meinen Nacken
und ich überlege kurz, ob ich die ganze Welt umarmen oder einfach
losrennen soll. Naja, die Welt ist
ja auch hinterher noch da, also rennen! Wahrscheinlich halten mich die
Zuschauer für reichlich irre...zeitmässig bringt es ja nun wirklich überhaupt
nix, auf den letzten 500 Meter zu rasen....vielleicht halten mich die
Zuschauer aber auch nicht für irre, weil sie meinen Endspurt tempomässig
nicht als solchen identifizieren können...wahrscheinlich ist es den
Zuschauern aber auch einfach nur pupsegal. Hällisch!
Und irgendwie bin ich dann im Ziel...ich sehe Jo und freue mich – das
er mich im Ziel erwartet freut mich ganz besonders, immerhin hat er sich
oft genug mein Gejammer und Genöle anhören müssen, da darf er ja
jetzt auch mal was von meiner Freude abhaben...hab' ja gerade genug
davon.... Vor lauter Freude vergesse ich ganz, mich von Conny zu
verabschieden und bin verwirrt darüber, das sie einfach verschwunden
ist – aber so ein Marathon soll ja gerüchterweise über 42 km gehen
und nicht im HM-Ziel enden, von daher macht es Sinn...an dieser Stelle
schon mal vielen Dank für die nette Begleitung, das hat mir viel
bedeutet, Conny!
Und später dann, frisch geduscht und mit jeder Menge Erbsensuppe, Würstchen
und Kuchen im Bauch finde ich es auch kein Stück mehr schade, das mir
mein Röntgenlauf-Mythos komplett zwischen den Fingern durchgerieselt
ist – es war ein wunderschöner Lauf in toller Landschaft mit vielen
netten Menschen, ich bin glücklich. Und während ich mir den
Zieleinlauf der Ultras angucke, wird mir klar, das es hier eben keine
halben Sachen gibt...der Mythos dauert halt 63 km, und der muss wohl
noch lange, lange auf mich warten...
Ach ja - 2:24 Std. hat dieser tolle Lauf gedauert...mit 2:30 Std. habe
ich gerechnet, 2:20 Std. wäre die Créme gewesen...aber im Grunde war
es genau richtig so wie es war ;)