Mit Schweiß, Scham, Schimpf und Schande...

2. Galerie-Kaufhof-Nachtlauf 2005

 

„Es gibt kein schlimmeres Leid als das, was sich der Mensch selbst antut" Während ich unwillig in einem Pulk laut schnatternder Läufer im Startbereich des Kölner Nachtlaufes herumstehe, bin ich jedoch fest davon überzeugt das Jo mir dieses Leid angetan hat und somit alles schuld ist – schliesslich hat er mich doch überredet, mich hier anzumelden. Das er a) dazu weder Waffengewalt benutzt hat noch mich durch Entführung meines Kuschelkissens erpresst hat und b) ich schon gross und für mein Handeln selbst verantwortlich bin habe ich komplett just in diesem Moment verdrängt – und es tut eigentlich nix zur Sache, denn – JO IST SCHULD! Basta! Und...vielleicht auch noch die Stadt Köln.....und Petrus auch....und „die da oben" sind schuld und außerdem liegt der Fehler im System und überhaupt war früher alles besser - ich hab' keine Lust auf diesen Lauf, kruzifix nochmal!

Ich hab' wohl den Schuß nicht gehört (in jeder Hinsicht), dennoch beginnt sich der eng gedrückte Läuferwurm plötzlich nach vorne zu schieben – vor lauter Füßen weiß ich gar nicht wo ich hintreten soll und meine tiefverwurzelte Abneigung gegen Körperkontakt mit wildfremden Häuten treibt mir beinahe die Ekelpickel ins Gesicht. Bedingt durch eine Art Sozialphobie brauche ich immer mindestens einen Meter eigenen Tanzbereich zum Glück....hier ist aber niemand gewillt, meinen Tanzbereich zu räumen, also schlucke ich das Grauen runter und...trabe los – warm, doof, eng, blöd! Und so verdammt viele Mitläufer im Weg.....haben die alle kein Zuhause? „Du darfst die Langsamen durchaus überholen" räumt Jo vorsichtig ein. Vielen Dank! Der feine Herr findet mich also zu langsam! Prima! Ich lege meine Stirn umgehend in Trotzfalten und würde wohl die Arme schmollend vor der Brust verschränken, wenn ich dazu Platz hätte....aber es ist einfach zu eng...und Füsse-auf-Boden-Stampfen würde einem gleichmässigen Laufschritt auch nicht wirklich dienlich sein..."Also, langsamer als im Training musste aber jetzt nun wirklich nicht laufen" ermahnt Jo wieder – prima...nenn' mich doch gleich LAHMARSCH, ich hab' schon verstanden! "Ich kann die Leute aber nicht auf Seite schieben" knurre ich unwirsch. "Aber Du kannst drumherum laufen" Ach? „Dann hau' doch ab!" zische ich zurück „Na, jetzt kann ich eh nicht mehr aufholen" ist die Antwort. Hmpf! Und nochmal hmpf! Arsch!

Mit Jo an der linken und Karl-Heinz, den wir vor dem Start getroffen haben und der sich während des Laufs treuer, geduldiger Begleiter entpuppt, an der rechten Seite geht es weiter, durch das erste Spalier gröhlender und pfeifender Zuschauer, die mir aber sowatt von auf die Nerven gehen. Wütend stosse ich zischende Flüche und Verwünschungen aus, mittlerweile ist nicht nur Jo, sondern auch Karl-Heinz schuld und die Stadt Köln noch dreimal mehr als eben und die blöden Zuschauer sowieso. Und hab' ich Petrus erwähnt....? Warum legt der Penner den ersten richtig warmen Tag im Jahr ausgerechnet auf den Nachtlauf-Termin, wo ich doch so ein Wettermemmchen bin und mit Hitze gar nicht kann und immer erst ein paar Eingewöhnungstage brauche, um mich an wärmere Temperaturen zu gewöhnen? Arschlochpetrus, aber sowatt von!

Vor dem Lauf hat Jo mir glaubhaft beteuert, das sich das Läuferfeld nach 1, spätestens 2 km auseinanderzieht, bisher ist nach 1,5 elendig langen und warmen und engen Kilometern aber noch keine Tendenz zum „Lichten des Feldes" erkennbar – und überhaupt, vielleicht trifft diese Erfahrung auf das vordere Feld zu indem Jo normalerweise mitflitzt, aber HIER hinten knubbelt es sich weiter und es will überhaupt nicht mit Knubbeln aufhören. Mir ist warm. Mir rauscht das Blut in den Ohren. Mein Atem brennt mir im Hals. Und es gibt keine plausible Erklärung dafür...laut Jo sind wir die ersten 2 km im 7er-Schnitt gelaufen, was nun wirklich maximal peinlichstem Schneckentempo entspricht, selbst für jemanden wie mich. Dreck, verdammter – und noch 8 km to go...."es gibt kein schlimmeres Leid"...ja, ja...Du mich auch!

Scheinbar haben Zorn und Trotz und Unwillen meine Körpertemperatur noch weiter in die Höhe getrieben als Arschlochpetrus es ohnehin schon geschafft hat – ich glühe und rechne jeden Moment damit, das meine Schädeldecke reißt und schwarzer Rauch entweicht. Wenigstens hatte der blöde Lauf dann ein Ende, mit gerissenem Schädel lauf' ich auf gar keinen Fall mehr weiter! Jo sagt irgendwas, ich höre aber schon längst nicht mehr zu und konzentriere mich vielmehr darauf, meine schon leicht knirschende Schädeldecke durch die Kraft der Gedanken am Aufplatzen zu hindern. (Anmerkung der Redaktion: Bis dato noch keine Anzeichen dafür, das der Läuferknubbel sich lichtet!)

KM 3 – Frisur sitzt, Schädeldecke hält, meine „Pace" ist immernoch unter aller Sau, dennoch traben Jo und Karl-Heinz schweigend neben mir hier, was mir beinahe die Schamestränen die Augen treibt, wie peinlich – jetzt müssen die Beiden wegen mir so ein elendes Tempo schnecken, ich fühle mich schuldig und unwürdig und....halt, wieso ich? Jo ist doch schuld. Genau. Und Karl-Heinz. Ich bin maximal bedauernswert und bald schädeldeckenlos, dieses Schicksal ist schon schlimm genug.. Und warum befindet sich gerade mein gesamter Vorrat an Körperblut und meinem Kopf und meinen Ohren, und warum sind meine Beine glühende Stelzen? Es ist doch nur ein 7er-Schnitt, verdammte Scheisse nochmal, und dreimal schwarzer Kater! Mein Körper signalisiert mir durch glühendes Seitenstechen, das er vielleicht doch gerne ein bißchen Blut für die Magengegend zurück hätte....ich kann ihm aber auch nicht helfen, Körper steht auf Autopilot. Dann halt Seitenstechen, drauf geschissen!

„Das ist also die berüchtigte Kölner Wand" unterbricht Jo's Stimme meine Überlegungen, ich hebe den Blick und...senke ihn schnell wieder, als ich die hellbeleuchtete lange Treppe sehe, die sich vor mir auftut. Da muss ich wohl hoch, nützt ja alles nix.....nach der Hälfte der Stufen registriere ich verwundert, das scheinbar noch mehr Blut in meinen Kopf gestiegen ist, komisch....ich dachte da ist schon alles drin? Wenigstens verdrängt das Blut den Gedanken, der kurz in meinem Gehirn aufblitzt „Da musst Du gleich nochmal hoch"....nicht dran denken. Weiter geht's über meine wackelige Brücke, wir wird schummerig und blümerant und erstaunt registriere ich eine Gänsehaut – kann man frieren während man verbrennt?

Reden und Fluchen mag ich schon lange nicht mehr, und um mich dafür zu schämen das Jo und Karl-Heinz immer noch bei mir sind, habe ich keine Kapazitäten mehr frei – und auch nicht, um mich zu wundern, wie man bei so einem langsamen Tempo so dermassen eingehen kann. Ich halte es wie Scarlett O'Hara - „Morgen ist auch noch ein Tag", da kann ich immernoch drüber nachdenken und mich schämen und mich wundern. Kurz vor Kilometer 5 registriere ich noch „Bitte rechts laufen, hier kommt die Spitze", tapere irgendwie an die rechte Seite, sehe aus den Augenwinkeln ein Fahrrad und einen Läufer vorbeirasen und denke matt „Hat der's gut!" Noch eine Runde, das ist doch Tierquälerei – da vorne im Ziel wartet Olaf, da gibt's Wasser, und bestimmt finde ich auch irgendwo noch einen Spaten um mich in die Erde einzugraben – ich will aufhören, abbrechen, aufgeben, versagen – mir ist alles recht....nur nicht nochmal diese ganze elendige lange Runde laufen müssen. Auf der anderen Seite weiß ich, wenn ich JETZT aufgebe, werde ich immer wieder aufgeben, die Wettkampfabbruch-Hemmschwelle ist weg - immer dann wenn ein Lauf schwierig wird, fies wird, wenn's nicht rundläuft...einmal Abbrecher, immer Abbrecher. „Ok, Frollein, die Zeit ist unter aller Sau, nützt jetzt auch nix mehr – aber Du hälst verdammt nochmal durch, und wenn Du ins Ziel kriechen musst!" „Jawohl, innere Stimme, ich versuch's!"

Eine Verpflegungsstelle tut sich auf, Jo und Karl-Heinz greifen sich einen Becher - „Willste nix trinken?" fragt Jo besorgt - „Näh!" zische ich saft- und kraftlos, eine glatte Lüge, WOLLEN tät' ich schon mögen, aber niemals würde es mir gelingen a) den Becher in meiner vor Schweiß klatschnassen Hand festzuhalten und b) nach ein paar Gehschritten wieder anzulaufen – wenn ich jetzt anhalte wird das nix mehr.

Wieder die blöden gröhlenden Zuschauer, die Stimmen tun mir in den Haaren weh, eine erneute Kältewelle erfasst mich und jagt mir eine Gänsehaut über den Rücken „Durchhalten!" „Ja, Du inneres Stimmen-Arschloch, MACH' ich doch!" Mittlerweile gebe ich minütlich auf – ich hör' jetzt sofort auf! Trabe ein paar langsame Schritte....."Verdammt, jetzt LAUF!" trabe wieder ein bißchen schneller.....langsamer...."Halt verdammt nochmal durch!" Ja-haaa....wieder schneller...auf dieser blöden Brücke habe ich eine Sekunde lang das Gefühl, das es mir die Beine wegreisst – ich halte mich kurz am Geländer fest, winke meiner verstorbenen Oma am anderen Ende des Tunnels zu („Heute noch nicht, Omi...ein bißchen musste noch auf mich warten") und weiter... Hinter uns munter plauderne Weiber mit penetranten hohen, schräselnden Weiberstimmen, ich würd' ja gerne weglaufen, aber....ett jeht nüscht.

Diese verfluchten Treppe wieder – ich überlege kurz, Jo zu bitten mich an die Hand zu nehmen, aber hier stellt sich das gleiche Problem wie beim Bechergreifen: Ich würde mit meiner schweissnassen Hand sowieso abrutschen, sofern Jo nicht über ausfahrbare Widerhaken in der Handinnenfläche verfügt, wovon ich rein intuitiv einfach mal nicht ausgehe, also schlurfe ich eigenfüssig die Stufen hoch. Oben angekommen schlucke ich meine Lunge wieder runter und tapere wankenderweise weiter...nicht stehenbleiben.

Die Spaziergänger, die sich auf der Wankelbrücke über die Läufer lustig machen und nachäffen, bemerke ich nur am Rande, die sind mir egal – der Fotograf der uns ständig anblitzt genauso – als jedoch ein Zuschauer lautstark anfängt, irgendwas von Gott und Glauben und Marathonlaufen und Jesus als Erlöser zu plärren, wird ein kleiner Rest Widerwillen geweckt, bloss weg hier! Das fehlt mir ja gerade noch....Jesus als Erlöser....

Nach geschätzten 100 Jahren kommt das Ziel in Sichtweite, Jo murmelt irgendwas das ich aber dezent überhöre, wird garantiert sowas wie „Endspurt" oder so gewesen sein, mir egal. Das Zuschauergröhlen wird unterträglich laut, und endlich ist es geschafft, ich muss nicht mehr laufen. Menschenmassen, Menschenmassen, ist das alles eng hier – ich will meinen Tanzbereich! Und Wasser....vielleicht zuerst Wasser und dann Tanzbereich....ach, eigentlich will ich überhaupt nix. Jo dirigiert mich zum Wasserstand, erwartungsgemäss rutscht mir das Evian-Tetra-Pack aus der Glitschand, irgendwie kann ich mich dann doch daran festkrallen...ich will PLATZ! Und Luft zum Atmen...aber hier scheinen wirklich überall Menschen zu sein, Horden, Scharen, alle grinsen und lachen, äußerst lästig, das. Ich lasse mich irgendwo auf den Boden plumpsen, irgendwie will das Wasser gar nicht richtig in meinen Schlund laufen – Schluck, Du Luder! Aber es geht nicht...so richtig – irgendwann geht's dann doch, irgendwann kann ich dann auch wieder aufstehen (nur mit Karl-Heinzens Hilfe, um der Wahrheit Genüge zu tun) und irgendwann traue ich mich dann sogar, Jo nach der Zeit zu fragen. „1:09 Std." haut mich beinahe erneut aus den Schuhen. Wenn mir jetzt bitte sofort jemand einen Spaten reichen würde, Madame begehrt sich in der Erde einzugraben und nie wieder das Sonnenlicht zu sehen – über 1:09 Std. für beschissene 10,16 km toppt jeden Super-Grünhorn-GAU und ist damit die schrecklichste, peinlichste, unwürdigste und langsamste Zeit, die ich mir jemals hätte alpträumen lassen. Ja, es war WARM, und ja, es war mein erster richtiger Heuschnupfen-Tag und ja, ich kann wohl nicht in grossen Menschenmassen laufen – aber EINESTUNDENEUNMINUTEN schlagt dem persönlichen Schande-Fass aber sowatt von den Boden aus. „Abhaken" empfiehlt mir Karl-Heinz gelassen und „Ist doch nicht so schlimm" tröstet Jo – wohle schlimm! Mir würden augenblicklich vor Scham die Tränen kommen wenn ich nicht schon alles Wasser aus meinem Körper rausgeschwitzt hätte. Über 1:09 Std. - und die Welt wird es erfahren - Jo weigert sich, auch nur zu versuchen, die Ergebnisliste zu hacken und mein jämmerliches Ergebnis davor zu bewahren, für die Nachwelt erhalten zu werden....ich sag's ja, Jo ist schuld. 1:09 Std. - für 10,16 km.....

Beim anschliessenden Chili-Mampfen und Biertrinken im Deutzer-Bahnhof bin ich reichlich geknickt und trübtassig, und ein mehrmaliges „Och komm, sowas passiert halt" von Seiten der Herren macht es nicht erträglicher, sowas passiert NICHT, zumindest sollte es nicht...Himmelherrgott, sowas jämmerliches...

Eben jedoch – nach einer durchschlafenen Nacht – bin ich mir relativ sicher, das Geräusch eines geplatzten Sacks Reis in China gehört zu haben...so what – ett iss wie ett iss, ett lässt nicht ändern und sterben werd' ich wohl auch nicht, genausowenig wie die knapp 100 Männer und 200 Frauen, die nach mir ins Ziel kamen und die Erde wird sich auch weiterdrehen – wie Karl-Heinz sagte: „Abhaken!" Scheiss drauf