EIN
FEIGLING AUF DEM LEINPFAD
Leinpfadlauf in Weißenthurm
(10 km) 10.10.2004
Kurzfassung
Heute war mein erster 10 km-Volkslauf – selbstgestoppte Zeit 1:00:42
Std – offizielle Zeit 1:00:52 Std. - 4. Platz in meiner
Altersklasse...soweit die Fakten.....
Und wenn jemand so richtig viel Zeit und Lust zum Lesen hat, für den
gibt`s die ausführliche
Roman-Edition
Das ich ein Feigling mit Hang zur Dramatik bin, ist mir in den
vergangenen 30 Jahren durchaus schon mehrfach aufgefallen – aber das
ich der grösste Feigling des Universums mit einem weltweit unerreichten
Hang zur Dramatik bin war mir bislang neu und hat sich erst in den
letzten 2-3 Wochen unleugbar herauskristallisiert.
Dafür dass ich eigentlich nach meiner
Unterbeinaussenseiteverletzungspause den festen Vorsatz gefasst hatte,
niemals in meinem Läuferleben wieder an einem Wettkampf teilzunehmen
und fortan ausschliesslich breitgrinsend als Genussläuferin durch die
Botanik zu hoppeln, gelang es Herrn H. aus M. eigentlich relativ
schnell, am 26.08. um 14.44 Uhr durch das richtige Maß aus Anreiz,
Ansporn und Motivation meinen Wettkampfunwillen zu brechen – nach nur
2 Stunden sagte ich „Ja, ich will!“ (nur um einen weiteren Tag später
entsetzt „Nein, ich will doch nicht!“ zu schreien, aber Wette ist
Wette und Jawort ist Jawort) Und fortan war – genau wie bei einem
„richtigen“ Jawort – Schluss mit Lustig! Besaß ich einmal die Kühnheit
und Faulheit, länger als einen Tag nicht zu laufen, fand` ich spätestens
am frühen Morgen des zweiten Tages eine Mail in meinem Postfach, die
mich auf die Laufstrecke jagte, unterschrieben mit „Dein schlechtes
Gewissen“. In den folgenden Wochen wurde ich wider eigenem Erwarten
geringfügig schneller und ausdauernder, aber im gleichen Maße
panischer – der illustre Kreis der „Eingeweihten“ wuchs von 1 auf
4 Personen und alle wurde täglich mit „Ich kann das nicht, ich will
das nicht, ich schaff das nicht, ich werde sterben“ bedacht (Anm. der
Redaktion: Keiner der 4 ist mir auch nur ansatzweise mit Mitleid
begegnet - „Du sollst nicht jammern, sondern laufen!“ ist da noch
eine der harmlosesten Antworten....) In der letzten Woche vor Tag X
wartete ich vergebens auf eine göttliche Fügung in Form von „Der 13.
Internationale Leinpfadlauf wurde leider aus organisatorischen Gründen
abgesagt“ oder einer kurzfristig angeordneten Dienstreise nach
Timbuktu oder von mir aus auch nur einem pupsigen Hals-oder
Beinbruch....aber nix! Gott wandte einfach die Augen von mir ab und überliess
mich meinem Schicksal!
Gestern begann ich ernsthaft über meine Beerdigung nachzudenken (Ich möchte
in einem goldenen Unterseeboot begraben werden, in einem Meer aus
Sonnenblumen....und irgendein langhaariger kiffender Hippie soll auf der
Gitarre „If you want to sing out, sing out“ von Cat Stevens spielen,
aber bitte nur mit Stahlsaiten.) Und wie sollte es anders sein....auf
diese Verlautbarung hin erntete ich bloss ein „Denk stattdessen lieber
über Deinen Zieleinlauf nach!“ Oh meine Götter, warum habt ihr mich
verlassen?
Der Tag X – 13. Leinpfadlauf in Weißenthurm
Von wirren Träumen über Adidas-Boxerstiefel, einem gigantischen
Stahlgerüst, verlorenen Laufschuhen und anderen Widrigkeiten gebeutelt
wachte ich vom fröhlichen Plärren meines Handys auf – eine tiefe fröhliche
Männerstimme wünschte mir Glück und einen schönen Lauf - und an der
bajuwarischen Einfärbung der Sprache erkannte ich Herrn H. aus M.
(Helmut, was immer ich im Halbschlaf für ein wirres Zeugs gebrabbelt
haben mag....ich hab` mich riesig über Deinen Anruf gefreut!) Meine
Panik vom Vortag wich einer hyperaktiven Nervösität und dem brennenden
Wunsch, den Lauf irgendwie zu überstehen....wie eine Ameise auf Speed
beginne ich durch die Wohnung zu rasen, Olafmylove verharrt in
Angststarre auf dem Sofa und ich pflüge riesige Furchen in den Teppich
durch mein permanentes Kreislaufen. Um 10.00 Uhr trudelt Ralf ein –
wohlwissend daß ihn ein 10 km-Lauf mit mir nicht anstrengen wird, ist
er mit dem Fahrrad gekommen um zumindest auf dem Hin- und Rückweg ein
bißchen zu schwitzen Nach einem letzten panischen Kreisen durch die
Wohnung geht`s los – Leinpfad, ich komme! Aber sowatt von!
Bei der Startnummernausgabe frage ich zaghaft nach den Ergebnissen vom
letzten Jahr und einer Stimmlage, die mich wohl beruhigen soll, verkündet
die nette Dame, daß ich mir keine Sorgen machen muss....die letzte Läuferin
sei letztes Jahr erst nach 1:04 Std. ins Ziel gelaufen – mir wird
schlecht! 1.04 Std. - datt schaff ich NIE! „Ralf, ich fahr` wieder,
hier laufen nur Cracks! Ich werd` Letzte!“ „Unsinn, jetzt sind wir
hier und jetzt wird gelaufen!“ Wahrscheinlich war das der Punkt, wo
Ralf zum ersten Mal an diesem Tag an mir verzweifelt ist.....und es
sollen noch viele folgen....
Als ich mich panisch im Profi-Läuferfeld umgucke, entdecke ich Micha,
seines Zeichens Rheinland-Pfalz-Meister im Halbmarathon – und ich
komm` mir total en vogue und als „einer von denen“ vor, als er mich
umarmt (habt ihr das auch alle gesehen, ihr Lokalmatadore?) und mir Glück
wünscht. Das ich nicht aufgrund meiner berühmten steilen Läuferkarriere
zu seinen Bekannten zähle, sondern bloss die kleine Schwester seiner
Ex-Verlobten bin, steht mir ja zum Glück nicht auf der angstschweißfeuchten
Stirn geschrieben! Nachdem ich mir mit zittrigen Fingern die Startnummer
aufgepiekst habe, tapsen Ralf und ich zum Startbereich an den Rhein –
mit geschätzten 20 x „Ich schaff das nie!“ und „Ich will heim!“
auf nur 300 Metern....wenn ich so gut rennen wie jammern könnte würde
ich wohl auf dem Siegertreppchen enden. Nervös hampele ich im Startfeld
herum und fühle mich wie der „legal alien“ aus Sting`s „Englishman
in New York“ - als einzige panische Schnecke eingekreist von wunderschönen
Läufern in Vereinstrikots, die allesamt total entspannt herumzuwitzeln
scheinen. Aber nützt ja jetzt ooch nüscht mehr.....und nach einem
5-4-3-2-1-LOS! setzt sich die wunderschöne Läufermeute in Bewegung –
und ich mit...nützt ja nüscht....
Den ersten Kilometer erreichen wir nach 5:40 Minuten (oder so) – Ralf
zeigt Daumen-Hoch und ich staune...datt iss` ja`n Ding und so wahnsinnig
schnell fühlt sich das Tempo eigentlich gar nicht an....blöderweise
sind`s aber noch 9 Kilometer zu laufen! Der zweite Kilometer läuft auch
recht flüssig, aber so langsam fängt das kleine fiese „Feigling-Memmen-Männchen“
in meinem Hinterkopf mich zu ärgern - „Einen 5:50er-Schnitt hälst Du
niemals durch, und Du musst noch 8 km laufen! Gleich wird`s eklig, wirst
schon sehen!“ Am 2,5 km-Wendepunkt bekomm` ich meine erste Sinnkrise
– Seitenstechen und das Wissen, das noch endlose 7,5 km vor mir
liegen.....diesen dämlichen Feigling-Punkt kenn` ich schon zur Genüge
aus den beiden vorherigen Wettkämpfen (und genau deswegen wollte ich
„so`n Scheiss“ eigentlich nie wieder machen!) und vor diesem Punkt
hatte ich am meisten Angst – weil ich weiß dass ich nicht genügend
Kampfgeist und mentale Stärke hab` um damit umzugehen, die Zähne
zusammenzubeissen und einfach ins Ziel zu laufen. Ich bin mir nicht ganz
sicher, ob`s bei Kilometer 3 oder schon bei 4 war als ich aufhören
wollte....und wenn ich mich nicht so fürchterlich vor Ralf und meinen
Vorwettkampf-Motivatoren geschämt hätte, hätt` ich`s wohl auch
getan....Ralf versucht mir mehrfach mitzuteilen, daß wir super in der
Zeit liegen und alles doch ganz toll läuft, erntet aber nur ein
gezischtes „Sei still! Red` nicht mit mir!“..mein Charme ist legendär!
- das Redeverbot gilt aber selbstverständlich nicht für MICH, ich darf
selbstverständlich rumnölen und keuchen und schimpfen, mich bedauern
(ich bin Miss Weichei 2004!) und alles doof finden – ab Kilometer 5
versuche ich mich an alles zu erinnern was ich je über Wettkämpfe gehört
hab` - „Du musst Deine Gegner hassen und besiegen wollen!“ (Noch
nicht mal das Hassen hat geklappt, geschweige denn der Siegeswille)
„Schalt Dein Gehirn ab und lauf einfach!“ (Das geht ja schon mal gar
nicht!).
Ich durchlebe mindestens 5 mittelschwere Krisen in denen mir mein Körper
weissmachen will dass er kurz vorm Kollaps steht.....mir wird schlecht,
mein Herz beginnt zu rasen, mir wird schwindelig...stimmt aber alles gar
nicht, nach ein paar Minuten ist der Spuk jedesmal vorbei – zusätzlich
piesakt mich mein Gehirn mit „Du bist `ne Pfeife!“ „Jedes heulende
Baby hat mehr Kampfgeist als Du!“ „Heul` doch!“ - und der Weg der
noch vor mir liegt wird in meinem Geist immer länger. In meinem Inneren
toben blutige Schlachten und irgendwie finde ich den Aus-Knopf für
meine innere Stimme nicht.....ist das nun der Schweinehund? Mein innerer
Feigling? Das Faultier? Kümmerliches Ego? Warum können das denn all`
die anderen Läufer ohne zu heulen...?
Irgendwann erreichen wir dann den letzten Wendepunkt (7,5 km) und ich
versuche, den inneren Quälgeist zu übertönen, indem ich mir monoton
immer wieder das Wort „Laufen“ im Takt meiner schlappen Schritte
aufsage....Lau-fen-Lau-fen-Lau-fen- Lau-fen – und hier lege ich ein
Verhalten an den Tag, das ich mir auch nach gründlichster Selbstanalyse
einfach nicht plausibel erklären kann: Ab diesem Punkt weiß ich dass
ich es schaffe, dass ich dieses verfluchte Ziel erreichen werde und dass
die Endzeit unter 1.05 Std. liegen wird – und trotzdem nöle ich mit
weinerlicher Stimme „Ich kann nicht mehr“ und „Ich schaff das
nicht“....was ist das? Will das Kind in mir auf den Arm genommen
werden oder was? Bescheuert ist das! Und überflüssig noch dazu! Ich
will einfach nur, dass es vorbei ist und dass ich endlich im Ziel
bin.....
Als ich das Ziel am Horizont sehe, zeigt die Uhr 58:15 Minuten an –
und mir kommen diese fehlenden Meter so unendlich weit und anstrengend
vor, nix zu spüren von „Sobald Du das Ziel siehst, beginnst Du zu
fliegen!“- und statt unter `ner Stunde durchzufliegen, keuche ich bei
1:00:42 Std. über die Zielgerade – damit bin ich schneller als ich es
für möglich gehalten habe, unglaublich stolz und glücklich, aber ein
klitzekleiner Stachel bleibt, nicht wegen der 43 Sekunden.....- der
Spruch „A fit body is needed to run it, but a strong mind is needed to
finish it“ kommt mir in den Sinn....das mein Körper fitter ist als
ich dachte hat sich ja jetzt gezeigt, aber an dem starken Geist werd`
ich wohl arbeiten müssen!
Als ich jedoch Olafmylove, Walter und seine Freundin Catherine am Ziel
entdecke, platze ich fast vor Stolz – meine ersten eigenen Groupies!
Auch wenn ich wegen Extremly-Keuching nicht sofort mit ihnen reden kann
freu` ich mir ein Loch in meinen schwitzigen Bauch! Ha! Nach einem
kleinen Fotoshooting und der telefonischen Vollzugsmeldung nach München
geht`s in die Stadthalle zum After-Run-Bierchen (das mir irgendwie nicht
geschmeckt hat, igitt!), ich treffe Markus „The Ironman“ (juhu!),
der steif und fest behauptet irgendwo an der Strecke gestanden zu haben
und mir gewunken zu haben (Naja...wahrscheinlich war ich da zu sehr mit
Selbstmitleid beschäftigt um mein Umfeld wahrzunehmen), lasse mich von
Micha gratulieren, beglotze die Ergebnislisten, grinse blöd in die
Weltgeschichte und bin stolz, froh und glücklich – aber für ein „Königin-der-Welt-Feeling“
reicht`s irgendwie nicht ganz....dafür hab ich mich auf der Strecke
einfach zu sehr hängenlassen, ich olles Weichei....datt muss besser
werden....
Ein paar visuelle Impressionen:
Bäh! Laufen iss' voll scheisse! Und es
ist noch so weit bis zum Ziel! Bäh!
Hinterher isses dann aber irgendwie doch
schön!
Gruppenbild mit Groupies - Die
Frisur sitzt!
Epilog
Ich mag den Gedanken, irgendwann mal im edlen Ballkleid einen Oscar überreicht
zu bekommen und dann mit tränenerstickter Stimme salbungsvolle
Dankesworte ins Mikrofon zu hauchen, während mit die
Wimperntuschenrinnsale über die stolzen Wangen rinnen – da die
Chancen dafür aber denkbar schlecht stehen, ich aber trotzdem nicht auf
meine Dankesrede verzichten will, hier schon mal ein kleines Auszug:
Der grösste Dank geht natürlich an Helmut für die Initialzündung und
den Ansporn (ohne Dich würd` ich immer noch glauben, niemals in meinem
Leben 10 km unter 1.05 Std. zu schaffen) – Ralf danke ich für die
Rennbegleitung und den Masochismus, meine schreckliche Gesellschaft
1:00:42 Std. ertragen zu haben – Jo für seine geduldige Motivation
(haste wirklich an 59:59 geglaubt?) und - Heike, der Laufelfe für ihre
ganz besondere Weisheit und die „Seelenverwandschaft“– und der
Pizzabringdienst hat mir gerade eine riesige Pizza Bolognese überreicht,
ist irgendwie auch sinnvoller als ein blöder Oscar......