The
first cut is the deepest....
Volkslauf in Mühlheim-Kärlich
(4 km)
Der Tag
davor (26.06.2003)
Tja, der Teufel Alkohol....wäre ich an diesem Abend nicht durch den
Genuss eines grossen Bieres in der prallen Sonne ein wenig übermütig
geworden, hätte ich Ralf (erfolgreicher Triathlet und Marathoni) wohl
niemals gefragt, ob er mit mir den 4km-Jedermannslauf am nächsten Abend
laufen will – und wie hätte ich denn auch ahnen können, das der Kerl
ohne zu Zögern „Ja, klar!“ sagt – da sass ich nun in der
Wettkampf-Falle und war’s auch noch selber schuld! Zurück zu Hause
guckte ich mir im Internet gleich mal die Ergebnislisten vom letzten
Jahr an – nur 13 Frauen? Und die schlechteste mit ner Zeit von 26,5
Minuten? Panik macht sich breit – DATT SCHAFF ICH NIE!!! Mein
absoluter Bestzeitenrekord liegt bei 7,20 Minuten auf einem KM.....und
zwar MORGENS bei kühlem Wetter, ausgeschlafen und auf meiner gewohnten
Strecke!! Auf der anderen Seite.....SCHAFFEN würde ich die 4 km...und
die Zeit ist ja eigentlich wurscht, ausserdem muss ja einer den letzten
Platz machen und sowieso muss ich es ja niemandem erzählen....weiß ja
eh niemand, dass ich an dem Lauf teilnehme!
Der Tag X (27.06.2003)
Den ganzen Tag auf der Arbeit verbringe ich damit, nervös auf meinem
Schreibtischstuhl hin- und herzurutschen und mir Ausreden zu überlegen,
wie ich Ralf absagen könnte....plötzlicher Anfall von PMS....tragischer
Auto-Unfall.....Treppensturz....mir fällt nix Glaubhaftes ein, dabei
halte ich mich ja eigentlich für sehr kreativ! Mittlerweile finde ich
den Gedanken, als Letzte ins Ziel zu laufen, ziemlich gruselig und
versuche mich abzulenken durch...ähm...ARBEIT, deswegen sitz’ ich ja
auch hier, oder? Mein Telefon klingelt – Ralf – teilt mir mit, dass
er noch fix zu IKEA nach Wiesbaden fahren will, aber pünktlich zurück
sein wird, um mich zum Wettkampf abzuholen....MIST! „Ralf, ich
SCHAFF’ das nicht!“ wimmere ich in den Hörer „Quatsch, ich
zieh’ Dich schon, mach’ Dir keine Sorgen, sind ja nur 4 km – bis
dann“ Wupps, Leitung tot, Ralf weg, Panik gross!
Ich fahre nach Hause....Mensch, da zieht doch ein Gewitter auf! Der
Himmel wird schwarz, meine Panik schwindet – beim Gewitter kann man ja
wohl nicht laufen, oder? Das wäre SEHR gefährlich und nahezu
unverantwortlich...schade, schade, aber da muss ich dem Ralf wohl
absagen. Ich greife zum Handy, wähle die Nummer und verkünde
begeistert: „Ralf, hier sieht’s superschlimm aus, das gibt gleich
ein Unwetter, wir können wohl nicht laufen!“...Antwort: „Also, ich
bin extra nicht mehr zum Kentucky Fried Chicken gegangen, um pünktlich
zurück zu sein, jetzt wird auch gelaufen! Und gegen einen Lauf im Regen
spricht rein gar nix, das ist schön kühl! Mach’ Dich fertig, ich bin
gleich da!“ Wupps, Leitung tot, Ralf weg, Panik gross!
Also, rinn inne Klamotten, Ralf kommt angedüst, ich falle ins Auto und
wimmere „Bitte, bitte, mach, dass ich nicht Letzte werde!!“ Antwort
„Quatsch, klammer’ Dich einfach an mich, und wenn wir als Letzte
einlaufen sollten, lass’ ich Dich vor! Datt wird schon!“
Ralf rast wie ein wilder Stier durch die engen Strassen von Mülheim,
ich klammere mich angstvoll an den Sitz...obwohl....ein
Auto-Unfall....dann müssten wir ja nicht laufen....hmmm....keine
Chance, schon sind wir da, und ich fülle zitternd die Anmeldung aus –
das erste WOW!-Erlebnis – ich BEKOMME MEINE ERSTE EIGENE STARTNUMMER,
wie auftregend! Um 18.15 Uhr starten die Walker....langsam wird es
ernst....ich weiß nicht, ob ich lachen oder weinen soll, also mache ich
erst mal NIX und gucke blöd in die Gegend – dann kommt die Durchsage,
dass die Läufer für den 4km-Lauf sich in den Startbereich begeben
sollen....eigentlich muss ich ja dringend auf Klo....und daheim müsste
ich noch spülen....und überhaupt – stehe ich auf einmal im
Startbereich, der Startschuss fällt und wir laufen los....ich renne,
viel zu schnell.....nach 500m fange ich an zu keuchen, aber irgendwie
komme ich mir toll vor – so schnell und dynamisch, nur leider kriege
ich keine Luft mehr und schnaufe wie ein Walross! Ratzfatz ist mein Puls
auf 160....Ralf beruhigt mich „Das ist nicht schlimm, versuch einfach,
ruhig zu atmen....und gleichmässig“ Ich schnaufe laut! Wieder Ralf
„Du musst gleichmässig atmen, finde Deinen Atemrhythmus“....mein
Puls steigt auf 170, ich kann gar nicht mehr so schnell atmen wie ich
Luft brauche – und noch 3 km, wie soll das gehen?
Ralf läuft locker und ohne zu schnaufen neben mir her...bei Kilometer 1
fange ich an, ihn dafür zu hassen – warum leidet der nicht so wie
ich? „Ralf, ich schaff’ das nicht!“ wimmere ich gepresst zwischen
den Schnauf-Stössen. „Doch, klar schaffst Du das, ist doch nicht mehr
weit, guck mal wir haben fast die Hälfte“ Also....Fakt ist – wir
haben noch nicht mal die HÄLFTE, und mein Puls ist bei 180! Ich muss
leider sterben! Schade!
„Ralf, ich muss sterben!“ verkünde ich....“Unsinn, entspann’
Dich und atme ruhig!“ Ruhig atmen? Ich HASSE ihn, diesen
scheiss-selbstgefälligen klugscheisserischen Arsch, ich sterbe hier
gerade und er faselt von „ruhig atmen“...aus den Augenwinkeln sehe
ich, das Ralf mich die ganze Zeit besorgt anguckt – ich hasse ihn dafür!
Mein Puls steigt weiter....ich nutze meine Energie, um vor mich
hinzufluchen, Ralf zu hassen und nicht tot umzufallen....Ralf redet
gleichmässig und beruhigend auf mich ein, ich hasse ihn, ich hasse ihn,
ich hasse ihn, der Klang seiner Stimme tut mir in den Zähnen weh, ich
schaff’ das nicht, ich fall gleich tot um, ich hasse ihn, ich hasse
ihn, irgendwo steht ein Zuschauer und klatscht und ruft uns aufmunternd
zu „Gleich habt ihr’s geschafft!“ ICH HASSE AUCH IHN!
Mein Puls steigt über 190 – gleich bin ich ganz bestimmt tot, kann
aber nicht drüber nachdenken, weil ich Ralf hassen muss – der immer
noch locker neben mir herläuft und auf mich einredet wie auf ein
krankes Pferd (das ich ja auch bin! Oder eher ein Maultier) Erwähnte
ich schon, dass ich ihn hasse??
Das Blut rauscht mir in den Ohren, ich kann nicht mehr, ich kann nicht
mehr....ich muss gehen....nur ein paar Schritte, Ralf sagt irgendwas,
ich hasse ihn....ich laufe weiter....immer wieder Ralf „Ruhig atmen,
gleich sind wir da, ich kann das Ziel schon sehen!“ Eine dicke alte
Frau zieht im Schneckentempo an uns vorbei, ich kann nix dagegen tut,
wieder Ralf „Ist nicht schlimm, es sind noch mindestens einer hinter
uns, Du wirst nicht Letzte, da vorne ist das Ziel, gleich hast Du’s
geschafft“ Ich hasse ihn!
Beim Zieleinlauf höre ich ein paar Leute klatschen, ich hasse
sie....ich bin über die Zielgerade, ich hab’s geschafft,es ist mir
egal, ich hasse den Mann mit der Stoppuhr,....ich weiß nicht, ob ich
weiterlaufen, gehen, tot umfallen oder kotzen soll....entscheide mich für
die Toilette, um mir kaltes Wasser ins Gesicht zu klatschen (ich HASSE
die Toilettentür), aaah...Wasser....ich gucke in den Spiegel, mein
Gesicht ist lila, ich schnaufe und keuche....ich gucke in den Spiegel
und muss plötzlich grinsen....DIESES LILA VERQUOLLENE DING DA IM
SPIEGEL HAT ES GESCHAFFT!!!
Ich gehe zurück, Ralf lacht mir entgegen (hab’ ich ihn jemals
GEHASST? So ein Unsinn – ich LIEBE ihn!!) drückt mir eine Becher mit
Irgendwas in die Hand und jubelt „Du hast es geschafft!! Du bist nicht
Letzte!!“ Ich kichere und grinse und trinke und schwitze und könnte
vor Freude in die Luft gehen – geschafft!! Ralf guckt auf seine Uhr
und jubelt „Und die Zeit ist unter ‚ner halben Stunde, 27 Minuten
und 6 Sekunden!“ (Das diese Zeit für IHN grottenschlecht ist,
ignoriere ich....ich LIEBE ihn!!)
Später dann nach ganz viel Trinken und Schwitzen und Grinsen und Freuen
stellt sich raus, das Ralf im Eifer des Gefechts die Zeit mit dem
aktuellen Datum verwechselt hat und ich mit 23 Minuten und 14 Sekunden
schneller war als ich mir jemals erträumt habe! Mein Gott, ich bin die
Königin der Welt!! Ralf ist letzter bei den Männern geworden, eine
Sekunde nach mir und grinst trotzdem wie ein Honigkuchenpferd, unsere
Namen werden verlesen, wir bekommen unsere Urkunden, ich platze erneut
vor Stolz! Ich hab’s geschafft!!
Der Tag danach
Um 06.00 Uhr liege ich glockenwach im Bett..und springe auf, um meine
Urkunde anzuglotzen...ich hab’s geschafft!!
Und die Moral von der Geschicht
Ich kann weitaus mehr, als ich dachte!
Man muss sich auch mal ein bisschen quälen, um ein Ziel zu erreichen!
Ich bin die Königin der Welt!
Auch wenn man überhaupt keine Luft zum Laufen mehr hat - für übelste
Beschimpfungen des Laufpartners reicht es immer noch!
.....aber beim nächsten Wettkampf werde ich deutlich langsamer
laufen....190er Puls iss nich’ schön!
Und mein Dank geht an RALF, der 23.14 Minuten wüsteste Beschimpfungen
ertragen musste – ohne ihn hätte ich das nie durchgestanden!!!
Nachsatz:
Ralf meinte übrigens hinterher, ich hätte schon nach Kilometer 1
bedenklich ausgesehen und er war schon mächtig besorgt, aber er wollte
mich unbedingt ins Ziel bringen, weil er dachte, wenn ich beim ersten
Wettkampf schlappmachen würde, würde ich NIE wieder einen Wettkampf
laufen - und wer weiß ob DAS nicht besser für den Rest der Welt wäre..