Debütantinnenball
in Bad Füssing
Johannesbad-Thermen-Marathon am
13.02.2005
„10 – 9-
8“ tönt es über die Lautsprecher „Beeil' Dich, es geht los“
schreit mir Stefan zu und rennt mit wehendem Superman-Gewand vor mir die
lange Wendeltreppe hoch zum Startbereich „7 – 6 – 5“ Verdammt,
wenn mich nur mein wild-flatternder Superwoman-Umhang nicht so beim
Laufen behindern würde! „Schneller, schneller“ ruft Stefan, während
der Stadionsprecher unerbittlich weiterzählt „4 – 3 – 2 – 1“
- ein Startschuss ertönt - der Thermen-Marathon hat begonnen, wir sind
zu spät, das war's! Verdammt!
Es dauert einige
pochende Herzschläge lang bis ich realisiere, das der Knall nicht von
einer Pistole, sondern von meinem Fenster kommt, das von einer Sturmböe
zugeschmissen wurde – und das ich nicht im Superwoman-Kostüm über
irgendwelche Treppen haste, sondern wohlbehütet im bübchenblauen
Schlaf-Kostüm meinem Hotelbett liege. Die Leuchtziffern des
Hotelweckers zeigen 05:00 Uhr - noch 5 Stunden bis zum Start. NUR NOCH 5
STUNDEN! Und ich hab' diesen lustig-gelben Schämpjen-Schipp noch gar
nicht am Schuh festgemacht und ich bin noch nicht angezogen und
Himmelarschundzwirn! Von plötzlicher Panik erfasst springe ich aus dem
Bett und beginne im Starter-Wundertütchen nach dem Schipp zu
suchen.....der Schipp ist weg! Nein! Der Schipp ist...ach, da ist er da,
braver Schipp! Misstrauisch beäuge ich das merkwürdige Plastikgebilde
und überlege kopfkratzend, wie ich selbiges wohl am dekorativsten an
meinen (künftigen) Heldenschuhen befestigen könnte - und nachdem ich
mehrere Male die Schnürsenkel rausgerissen, den Schipp stranguliert und
alles wieder eingefädelt habe, zeigt die Uhr auch schon 05.30 Uhr und
weil ich nicht mehr weiß was ich tun soll und es für „Hilfe, ich
werde sterben!“-Anrufe bei meinem Herzblatt noch zu früh ist lege ich
mich einfach wieder ins Bett – guter Plan.
Die nächsten 30
Minuten verbringe ich, indem ich mit untertassengrossen Augen an die
Decke starre und mir gelegentlich hektisch an der Nase kratze, während
draussen der Sturm heult und irgendwo im Hotel im 5 Minuten-Takt ein
Fenster schlägt. Na gut, dann schlafe ich halt nix mehr – nachdem ich
mehrere Bekleidungskombinationen ausprobiert und höchstprofessionell
auf dem Balkon auf Windfestigkeit getestet habe, nehme ich meine
hoffentlich letzte Dusche als Nicht-Halbmarathoni und klopfe an Heikes
Zimmertür, die umgehend von ihrer Bewohnerin aufgerissen wird. Wir
glotzen uns entsetzt an - „HALBMARATHON“ sagt Heike „JA!“ sage
ich und dann beide „OH GOTT!“ In fliegendem Wechsel zwischen
Panik-Blicken, hysterischem Gekicher und leisen Kampfgesängen überstehen
wir das Frühstück und den Weg in den Startbereich – ich fühle mich
wie im Wachkoma und muss ständig albern kichern (Kann man albern
kichern wenn man im Koma liegt?). „Wir schaffen das!“ nickt Heike
„Klar!“ nicke ich zurück (diese sinnigen Dialoge führen wir jetzt
schon seit Tagen, wird Zeit das es endlich losgeht!) Überall wuseln Läufer
herum, es herrscht hektische spannende Betriebsamkeit – wir entdecken
Chris, Jens und Stefan (zum Glück ohne Supermankostüm) und so langsam
nach gefühlten 2 Stunden nervösem Hin-und Hertrippeln meinerseits
marschieren wir Richtung Startbanner.
Ich warte ängstlich
auf die Durchsage „Achtung, Achtung, irgendwo im Startbereich hat sich
unberechtigterweise eine lahmarschige Schnecke unter diese wunderschönen
schnellen Läufer gemischt, wer sie findet bekommt eine
Belohnung!“aber nichts passiert, stattdessen ertönt ein Startschuss!
Scheiss die Wand an! Ett geht los!! Ähm...es
geht nicht los....nur langsam setzt sich der Läuferwurm in Bewegung und
ich gucke ratlos in die Menge. „Sollen wir jetzt auch?“ Eine letzte
Umarmung von Jens und Chris, verbunden mit markigem „Datt schafft
ihr!“ (Na, ich weiß ja nicht.....), Heike trabt los und naja....Stefan
und ich dann auch. Ich muss mir das Grinsen verbeissen, ist das alles
komisch. Noch komischer ist es, über die üsselige rote Matte zu
laufen, JETZT bin ich drin! Das war ja einfach. Wir traben, ich bin
aufgeregt, ich grinse, ich hüstele.....wir traben.
„Hast Du
Deinen Chip eingeschaltet?“ fragt Stefan plötzlich erschrocken. Mir
bricht schlagartig der Schweiß aus! Wie jetzt? Wird mein Lauf jetzt
nicht gewertet? Muss ich zum Start zurückrennen? „NEIN!“ schreie
ich panisch und will gerade kollabieren, als ich aus den Augenwinkeln
ein breites Grinsen auf den Lippen meines Laufbegleiters entdecke.
Drecksack! Der lange trabende Läuferwurm schiebt sich weiter durch den
Ort und ich schätze so mancher Läufer wird sich im Nachhinein über
diese „schwarzgekleidete Schnecke mit den roten Haaren“ entrüsten,
die sich viel zu weit vorne angestellt hat und alle behindert hat –
wir werden nämlich gar fleissigst überholt, was mich aber nicht die
Bohne interessiert. Ich bin zu sehr damit beschäftigt mich wie Alice im
Füssingwunderland zu fühlen, mein Gehirn will nicht glauben was meine
Augen sehen – ein Läuferwurm und ich mittendrin! ICH! Das wir bereits
nach 2 Kilometern in eine Wand aus kaltem Gegenwind laufen, will mein
Gehirn allerdings auch nicht wirklich glauben - und meine glorreiche
Idee, gefolgt von Stefan's ratlosem Blick rechts nebem den anderen Läufern
auf einem Radweg weiterzulaufen erweist sich als ebenso unsinnig wie
anstrengend und so kehre ich keuchend und reumütig wieder in den
Laufwurmschoß zurück. Durch den Wind fühlt es sich an als würde mein
Körper von einem riesigen Gummiband festgehalten, obwohl ich laufe
scheine ich mich keinen Millimeter vorwärts zu bewegen.
Bereits beim 3.
Kilometerschild fühlen sich meine Beine an wie Blei, ich schnaufe wie
ein olles schwarzes Walross und frage mich wie in aller Herrgottsnamen
in die noch folgenden 18 km überstehen soll. Stefan lacht fröhlich
(warum lacht der eigentlich?) und schreit, das wir gut in der Zeit
liegen. Leider kann ich die Hälfte seiner Worte nicht verstehen weil
der Wind mir unverschämterweise lautstark in Ohren saust. In diesem
Moment wird mir schlagartig klar, das es nix wird mit dem „entspannten
Lauf“ und den „lustigen Plaudereien mit Stefan“ auf die ich mich
schon so gefreut hatte, ich schiesse sämtliche heimlichen und
unheimlichen Zeitziele in den kalten Gegenwind und versuche mich und vor
allem meinen Geist für den Lauf zu wappnen – datt wird anstrengend,
Frollein! Aber Du hast es so gewollt und jetzt wird nicht geschwächelt!
Basta! Und Haue obendrein (und ohne Nachtisch ins Bett!)
Natürlich
schwächele ich doch – bei Kilometer 4 winsele ich gar kläglichst das
ich nicht mehr kann. Stefan behauptet jedoch sehr überzeugend das das
nicht stimmt, also laufe ich weiter, ich muss meine Energien schonen, da
sind keine Widerspruchskapazitäten mehr drin. WIND! Endlich erreichen
wir ein kleines Dörfchen, dessen Häuser ein wenig Schutz vor dem blöden
Windviech bieten, ich fühle mich wie eine zermatschte Apfelsine und
sehe garantiert auch genauso aus. Als wir an Stefans Eltern
vorbeilaufen, die fleissig Fotos schiessen, bemühe ich mich heldenhaft
meine obere Zahnreihe zu blecken um zumindest den Anschein eines Lächelns
zu erwecken, bin aber auch ohne die Fotos bisher gesehen zu haben sicher
das dieser Versuch gründlich misslungen ist. Wieder WIND!
Mehr oder weniger emotionslos (keine Kraft für Emotionen verschwenden)
registriere ich einige Zuschauer (und blecke erneut die Zähne, man will
ja nicht unhöflich erscheinen) und einen reichhaltig bestückten
Verpflegungsstand, den Stefan für ein zweites Frühstück nutzt. Fröhlich,
mit einem Becher und Müsliriegel in der Hand läuft er neben mir her,
ganz easy-sunday-mässig - kurz blitzt in meinem Kopf die Frage auf wie
man bitte SO locker aussehen kann, bis mein Kleinhirn schon wieder
„Nicht denken, weiterlaufen!“ befiehlt. Nachdem ich merke, das ich
den unterhaltsamen Erzählungen meines
vollkommen-unangestrengt-wirkenden Laufpartners nicht mehr folgen kann
und mich selbst einfaches Zuhören anstrengt, bekommt Stefan Redeverbot
erteilt, das er auch bis auf gelegentliche Zeitansagen und kurze
Motivationssprüche höflich einhält. Im Gegensatz zu meinen bisherigen
„Wettkämpfen“ bin ich selbst zum Hassen und Fluchen zu schlapp und
ab und an stöhne ich leidend vor mich hin, aber Stefan als steter
schweigender schwarzer Schatten an meiner Seite vermittelt irgendwie
durch seine Anwesenheit ein beruhigendes Gefühl, er ist halt einfach
da. Dann verkündet der schwarze Schatten jedoch, das er kurz in die Büsche
verschwinden muss und das ich einfach nur in dem Tempo weiterlaufen
soll, was ich – da ich ein braves Mädchen bin und mein Gehirn sowieso
keine eigenen Entscheidungen mehr treffen kann – auch folgsam tue.
Bei Kilometer 15
gabelt sich die Strecke, der Streckenposten winkt mich nach rechts,
irgendwo aus dem Nichts rasen ein paar andere Läufer nach links,
verwirrt versuche ich das Gesehene zu deuten. „Waschndasch?“
nuschele ich keuchend in Richtung des netten Mädels, das schon eine
Weile vor mir hertrabt. „Dös sind die Maradonnläufer“ erwidert sie
(nicht keuchend) in bajuwarischer Sprache. Mein Gehirn meldet „Hä?“
und dann „Schade, dann muss ich ja alleine weiterlaufen!“ Ich nutze
meine letzten verborgenen Kraftreserven um einen Flunsch zu ziehen und
trabe weiter. Plötzlich höre ich hinter mir schnelle Schritte, der
schwarze Schatten ist wieder da. Wie jetzt? Vor meinem Augen erscheint
eine Leuchtschrift mit den Worten „In diesem Bild hat der Maler einen
Fehler entdeckt“, ich finde den Fehler relativ zügig und keuche „Dubissfalschduhättesabbiegenmüssen!“
und deute irgendwo ins Nirvana. „Scheisse“ schreit der Schatten und
spurtet im Affenzahn zurück, ich versuche nochmal einen Flunsch zu
ziehen, geht aber nicht mehr, nun denn – ab jetzt bin ich auf mich
gestellt! Wird schon gehen...muss ja bloss laufen, und das hab' ich
schon mal gemacht, das krieg' ich hin!
Irgendwo am
Wegesrand sehe ich einen Herrn mit einer Kamera und einem Schild mit der
Aufschrift „Photopoint“ lauern, es dauert eine Weile bis die
Information verarbeitet ist, aber dann blitzt mir plötzlich ein
„Verdammt! Das ist Dein erster Halbmarathon! (Ach nee?) Du MUSST dafür
sorgen das Du ein schönes Erinnerungsfoto bekommst!“ durch den Kopf.
Irgendwo in meinem Hirnkasten finde ich noch ein angegammeltes Stückchen
Restenergie, das zwar schon etwas muffig riecht aber eigentlich noch
brauchbar aussieht – also los! Ich versuche meine Schultern zumindest
soweit anzuheben, das ich mit den Fingerkuppen nicht mehr über den
Boden schrappe und unter Aufbietung sämtlicher Körperkräfte gelingt
es mir, meine Brust mit der aufgepinnten Startnummer rauszustrecken und
meinem rot-verquollenen Anlitz ein fröhlich-wirkendes Lächeln
aufzusetzen. Nach dem „Klick“ der Kamera falle ich allerdings wieder
in mich zusammen wie eine Kasperle-Marionette, der irgendein gemeiner
Arsch die Fäden durchgeschnitten hat, aber egal – abgerechnet wird
zum Schluss und nur das Ergebnis zählt. Und wehe datt Foto wird nix –
Fotoheini, ich weiß wo Dein Auto steht!
Mit der Nase
am Asphalt spüre ich plötzlich Erschütterungen auf dem Weg – da
kommt was Schnelles! Wer kann denn JETZT noch rennen? „Ich zünd' Dich
an!“ schreit eine Stimme, die mir irgendwie bekannt vorkommt. Mein
Gehirn meldet wieder „Hä?“, da ich meine Hand jedoch nicht mehr
anheben kann verzichte ich darauf, mir verwirrt am Kopf zu kratzen. „ICH-ZÜND-DICH-AN!“
keucht der gar-nicht-mehr-so-schweigende schwarze Schatten und nach
kurzem Verschnaufen„Die Abzweigung war für die Marathonis, das war
die ZWEITE Runde!“ Nachdem die Worte meine störrische Hirnrinde
durchbrochen haben, wird mir ganz heiss – ach herrjeh, wegen meiner Blödheit
hat Stefan jetzt einen Sprint von mindestens einem Kilometer hinlegen müssen!
Wenn ICH er wäre würde ich mich jetzt augenblicklich töten! Zu mehr
einem gewinselten „Tutmirleidtutmirleidtutmirleid“ reicht es aber
nicht, der angehende Ultramarathoni flucht noch ein bißchen vor sich
hin und schimpft was von „180er-Puls“ - ich wimmere mein „Tutmirleid“-Mantra
und bemühe mich nicht tot umzufallen. Ca. 10 Winsel-Mantras später und
dem schwachen Wunsch mich im Erdboden zu verkriechen (bzw. verkriechen
LASSEN, selber kriechen kann ich nicht mehr) erkennt Stefan wohl meine
wehrlose Lage und verkündet grossherzig, mich erst später übers Knie
zu legen. Puh!
Mein Magen hält
allerdings eine sofortige Bestrafung für angemessen und beginnt sich
schmerzhaft und unangenehm zu verkrampfen, verdammte Hacke! Aua! „Schappmagenschmerzen“
japse ich und erhalte den Rat „Ruhig weiterlaufen, ruhig atmen“ was
meine Magengegend aber gar nicht wirklich interessiert. Aua!
Doofes-Mist-Magen-Viech! Das es jetzt auch noch anfängt zu hageln ist
mir dann irgendwie fast schon egal, wenigstens hört der Wind kurz auf.
Dort, eine Oase im Hagel – ein Verpflegungsstand! „Schtrinkwatt!“
nuschele ich und grapsche mit zitternden Fingern nach einem Teebecher.
„Nicht zu schnell schlucken, ruhig“ mahnt Stefan (wie kann der mein
Genuschel eigentlich verstehen?) Mein Magen verwandelt sich in eine glühende
Schraube, die sich durch meinen Bauch bohrt, na prima! DATT HAPPICH JA
GERADE NOCH GEBRAUCHT! Wie sieht das denn nachher auf dem Zielfoto aus,
wenn mir mein Magen durch ein Loch in der Bauchdecke auf den Schuhen hängt?
Da denkt wieder KEIN Mensch dran, watt? „Schkannichmehr“ quäke ich
in Quasimodo-Haltung. „Natürlich kannst Du! Du konntest 17 km und den
Rest schaffst Du jetzt auch!“ Hm...klingt logisch und eigentlich isses
auch egal....bloss nicht mehr reden....weiterlaufen....
Vielleicht
werden die Krämpfe besser wenn ich ein paar Schritte gehe? Ich gehe ein
paar Schritte (untermalt von gewinseltem „Tutmirleidtutmirleid“ -
vielleicht hat Stefan eine Ahnung was mir da leid getan haben könnte,
im Nachhinein hab' ich keinen blassen Schimmer mehr warum ich ständig
mein Bedauern bekunden muss) aber meinem Magen ist das wurscht, der glüht
munter weiter – das Anlaufen nach einem Gehpäuschen tut jetzt doppelt
weh. Kurz nach dem 20. Kilometerschild gehe ich noch ein paar Schritte,
nützt aber nüscht – und außerdem steht da ein grosser Mann in der
Gegend herum, der mir irgendwie bekannt vorkommt.....hmm....mein Gehirn
rattert kurz, spuckt einen Namen aus und sendet die Information umgehend
zum Mundwerk „Chris!“ japse ich – verdammt, Chris hat mich beim
Gehen erwischt! (Die Tatsache das Chris hier einfach so in der Gegend
herumsteht obwohl er eigentlich auf der Marathonstrecke sein sollte
irritiert mich in diesem Moment nicht weiter) Also trabe ich wieder an,
Stefan unterrichtet Chris kurz über das auferlegte Redeverbot und
schweigend zockeln wir weiter. Aua! Noch ein bißchen Gehen...aua! Die
Information „Nur noch 600 m“ verhakt sich irgendwo zwischen Gehörgang
und Hirnkasten, und so setze ich mich erst wieder in Bewegung als ich
das Ziel auch selber sehe „Ziiiel“ keuche ich, um meine Entdeckung
mit meinen Mitläufern zu teilen, aber mich dünkt sie haben es schon
vorher gewusst. Chris' Frau Doris steht mit gezückter Digicam an der
Strecke, ob ich was gesagt habe weiß ich nicht mehr und wenn ja, könnte
es wirklich ALLES zwischen „Verpiss' Dich, olle Zippe!“ und
„Heirate mich, Doris!“ gewesen sein, ich leide wohl unter
laktatbedingter Kurzzeit-Amnesie.
Noch 100 m,
ich laufe....Ziiiiel.....rote Matte....drüberlaufen....Medaille
grapschen – Ziiiiiieeeel!!! In den folgenden Minuten denke ich NICHTS,
ich bin nicht stolz, ich bin nicht glücklich, mir tut nix weh –
Ziiiiel.... Ich tappe ein paar Schritte in der Gegend herum und wenn
Chris mich nicht eingefangen hätte, wäre ich wohl wie ein Roboter bis
zum Sanktnimmerleinstag weitergetappt und irgendwann von der Erdscheibe
runtergepurzelt. Da! Doris! Digicam! Lächeln! Mein Gehirn sendet nur
noch einfache leicht-verständliche Informationen, um mich nicht zu überfordern.
Stefan weg! Verwirrt glotze ich umher, bis mir einfällt das Stefan sich
ja gleich nochmal in den Windkanal stürzen musste. Held!
Trinken! Ich
tappse ferngesteuert herum und treffe wieder auf Chris - „Trinken?“
nuschele ich. „Da drüben im Zelt, komm' mit“ Danke! Einfache
Handlungen, das schaff' ich! Plötzlich fällt mir was ein -
„Heike!“ stammele ich. „Ist schon drüben im Zelt!“ Heiiiike....Zeeeelt...alleschischgut!
Eine lange
Weile nachdem ich meine Heike (die 2:10 Debüt-Superheldin) umarmt und
ein Stückchen Apfelsine gegessen habe, beginnt mein Hirn zaghaft,
wieder in vollständigen Sätzen zu denken – Scheiss die Wand an, bin
ICH am Arsch! Datt war aber mächtig anstrengend, alter Schwede! Leider
kann ich nicht mehr von der Bank aufstehen – ich werd' einfach
sitzenbleiben bis mich irgendwer zusammenklappt, in einem Plastiksack
stopft und in den Müll trägt – ein guter Plan! „Poh, jetzt muss
ich aber dringend heiss duschen!“ verkündet Heike und ich entgegne
„Gleich! Ich kann nicht aufstehen!“ In den nächsten 15 Minuten
besteht unser Wortwechsel ausschliesslich aus einem immer kläglicher
werdenden „Ichmussheissduschen“ von Heike und „Aberichkannnichtaufstehen“
von mir – und dabei hätten wir uns doch soviel zu erzählen. Und wäre
Heikes Wimmern nicht dramatisch leiser geworden, würde ich wohl heute
noch im Johannesbad auf der Bank sitzen, mit schwitziger Hand meine
Medaille umklammern und mit heruntergeklapptem Unterkiefer schweigend in
Gegend starren. Die Welt um mich herum scheint sich in Zeitlupe zu
bewegen als wir zu unserem Spind gehen – irgendwie schaffe ich es zu
telefonieren und wirres Zeug in mein Mobilchen zu brabbeln, irgendwie
schaffe ich es, die nassen Laufsachen an- und den Bikini anzuziehen,
Heike verkündet mir mit schwacher Stimme das wir Heldinnen sind und gefühlte
3 Stunden später prasselt endlich die heisse Dusche auf unsere
heldenhaften Körper – Heldinnen? Hmm...ich fühl' mich gar nicht wie
eine Heldin, müsste ich nicht euphorisch sein? Glücklich? Stolz?
VOLLKOMMEN AUS DEM HÄUSCHEN? Statt überschäumender Begeisterung verspüre
ich bloss ein leises Staunen und einen Anflug von stiller Zufriedenheit
– ich hab's geschafft. Endlich....
Die Geräusche
die wir beim Eintauchen ins warme Wasser des Außenbeckens von uns geben
hätten jedem Hardcore-Porno zur Ehre gereicht, lauthals stöhnen wir um
die Wette – aber wenn's doch so gut tut! „Wir sind Heldinnen“ bekräftigt
Heike strahlend zwischen zwei Stöhn-Arien und ich nicke –
Heldinnen.....nicht wirklich. Irgendwie habe ich mir das anders
vorgestellt, lauter, mitreissender, gewaltiger – trotzdem ist das
Unheldinnen-Gefühl ein sehr schönes. Breit grinsend waten wir durch
das dampfende Becken und gucken in unzählige glückliche Läufergesichter.
Zu jedem Köpfchen das auf der Wasseroberfläche dümpelt gehört ein Körper
der heute über sich hinausgewachsen ist und Großes vollbracht hat –
und ich bin bloss ein kleiner unbedeutender Teil dieser dampenfenden
Marathonsuppe. Was habe ich erwartet – das die Welt stillsteht und mir
huldigt? Das sich der Himmel auftut und goldene Strahlen sendet um mich
mit einem Glorienschein zu ehren? Hm, sowas in der Art wahrscheinlich
– ist aber auch egal....ich hab's geschafft. Außerdem reichen Heikes
Euphorie und ihre Begeisterung für zwei, da kann ich ruhig leise und
still in mich reinstaunen.
Nachdem wir
eine halbe Stunde mit träger Stimme darüber beraten haben, wie wir
wohl den Weg zwischen Badeschlappenlager, Handtuchablage und Dusche am
schnellsten und effizientesten hinter uns bringen können, bewegen wir
uns in Zeitlupe in die Umkleide. Nachdem wir Jens und Roland noch
getroffen und beglückwünscht haben, gehen wir kurz zum Ziel (während
ich mit grossen Augen das Ziel-Schild anstaune – DA bin ich ICH
durchgelaufen – ICH!), begegnen Stefan, dem Ultramarathoni, der zum Glück
momentan viel zu erschöpft ist um mich wie angedroht übers Knie zu
legen und Dogi, danach geht's wieder zurück ins Cafe (zumindest mein
Magen ist der Ansicht, das ich eine Heldin bin und jetzt VIEL essen
muss). Im Cafe gibt es noch ein letztes Treffen mit den Münchnern und
allgemeines Beglückwünschen und den Hinweis, das wir aber wirklich mächtig
stolz auf uns sein können. Stolz auf mich? Nee, bin ich nicht....ich
bin einfach bloss 21,1 km gelaufen und jetzt bin ich einfach bloss da
und esse Kuchen und trinke Apfelschorle – das Leben ist schön. Und müde......und
Zeitlupe....ich hab's geschafft.....schööön....
Und abgerechnet
wird zum Schluß......
Und 2 Tage später
sitze ich wieder im Büro, business as usual. Während ich wie üblich
gekonnt hektische Betriebsamkeit und Arbeitseifer vortäusche und dabei
eigentlich nur starr auf meinen Monitor stiere, schweifen meine Gedanken
ab zu meinen allerersten anstrengenden Laufversuchen, den vielen aus Übereifer
geplatzten Zielen, dem gecancelten Start beim Mainz-HM in 2004, den
vielen Tränen, der Enttäuschung aber auch allen schönen und lustigen
Momenten die ich bisher als Läuferin hatte, den ganzen neuen Eindrücken
und Erlebnissen – und jetzt einen Halbmarathon, ICH! Wer hätte das
gedacht? Vor einem Jahr noch wäre ich der Letzte gewesen der geglaubt hätte,
das ich jemals nach 21,1 km unter einem Ziel-Schild herlaufe- und jetzt
hab' ich's getan... Ganz still und leise platscht mir eine Träne auf
den Handrücken – verdammt, ob ich stolz bin? Scheiss die Wand an –
und WIE! Ich bin eine HELDIN! Aber SOWATT von!
(Nettozeit 2:16:14 Std.)