"3 - 2 - 1 -
MAINZ!"
Gutenberg-Marathon 2006
Irgendwann würde ich doch
gerne mal wissen wie das so ist, wenn man spitzenmässig vorbereitet und
voller Enthusiasmus am Start eines Volkslaufes steht und erwartungsfroh
mit den Asicshufen scharrt...bereit, sämtliche nur erdenkliche
Bestzeiten im Sturm zu erobern und niederzustrecken. Muss doch ein schönes
Gefühl sein, das.....Aber ich stehe ja nicht irgendwann am Start in Mainz,
sondern heute – und bin mal wieder nicht wirklich vorbereitet, nicht
wirklich entspannt, nicht wirklich stressfrei, nicht wirklich
zuversichtlich....in der Vergangenheit haben einige Dinge an Kraft,
Nerven und Zeit gezerrt und so ist mein Ziel für heute bloß ein
bescheidenes „Nicht sterben! (Und wenn doch, dann wenigstens
einigermassen gut aussehen dabei...oder nicht GANZ so scheiße aussehen
dabei)“
„Ohne Holland fahrn wir zur WM...ohne Holland...faaahrn wir zu WM!“
Während wir uns durch die vorfreudigen Läufermassen zu einem
Startbereich quetschen, den wir für unser ehrgeizloses Ziel für
angemessen halten, schwirren mir aus bis dato nicht nachvollziehbaren Gründen
unablässig ohrwurmige Fußball-Kampfgesänge durch die Hirnwindungen.
„Ohne Holland...“ „Soll ich jetzt das mit dem Karnevalsverein
singen?“ reißt mich Marcus’ Stimme aus meinem innerlichen Gegröhle.
Ähm...watt? Ach so...“Nein!“ weise ich ihn an und ziehe mich zum
„Oléeee....olé..ooolé“-Plärren in meinen Hirnkasten zurück.
In mir wabert eine gewisse alberne Gleichgültigkeit in Bezug auf diesen
Lauf....das ich hier in Mainz heute nix
reißen kann, weiß ich. Ich bin nicht fit, mein Training war ein
schlechter Witz, ich hab’ mehr geheult und geflucht als sonstwas in
der letzten Zeit, aber die panische „Ich schaff’ das nie! Ich werde
sterben!“-Phase, die mich in den letzten Wochen begleitet hat, habe
ich wohl irgendwann am Vorabend abgeschlossen. Also wird halt jetzt
gelaufen....“ohne Holland fahrn wir zur WM! Oléeee....olé, olé“.
Am Arsch hängt der Hammer!
Behäbig setzt sich der Läuferwurm in Bewegung, und nach gefühlten 30
Minuten Wellness-Walking dürfen wir dann auch endlich mal über die
Matte hoppeln, die ein empörtes „Quiek!“ von sich gibt. Hey
Matti...ich bin’s doch nur, die olle Schnecke vom letzten Jahr...kein
Grund zum Quieken!
Das erste Kilometerschild passieren wir nach gut 7 Minuten – trotz
mehr als moderaten Tempos fühle ich mich ein wenig schläpplich, aber
so ein, zwei, drei Kilometerchen werde ich dann wohl noch schaffen...olé,
olé. Für 1 Kilometer lohnt sich der Aufwand ja nicht, also lauf’ ich
halt weiter. Olé! Schnell wird deutlich, das Marcus zu der extrem
seltenen Sorte Mann gehört, die zuhört und sogar VERSTEHT was ich
sage....es könnte auch sein, das meine Drohung, ihm bei Mißachten
meiner Wünsche eine aufs Maul zu hauen, ihr Übrigens getan hat –
aber wie im Vorfeld von mir erbeten, nervt er mich nicht mit blöden
Motivationssprüchen oder irgendwelchem Tempogesabbel, sondern reicht
Wasser, Schwamm und Taschentuch wenn gewünscht und ist ansonsten
einfach bloß amüsanter, witzelnder Mitläufer. Nach ein paar
Kilometern drücke ich ihm das Prädikat „Greenhorngetestet – sehr
empfehlenswert“ auf den Buckel. Sabine kann ich auch nur wärmstens
weiterempfehlen - die rheinländische Chemie hat jestimmt und hätte ich
noch Kraft gehabt, hätte ich selbstverständlich einen Heiratsantrag
gemacht am Brunnen...die Entchen wären dann die Trauringe geworden..
Und überhaupt – auch wenn ich ab und an ein kleines bißchen sterben
muss, hab’ ich selten bei einem Lauf so viel gelacht, bzw. versucht zu
lachen, bzw. hätte ich lachen können wenn ich denn gekonnt hätte,
bzw....ach, drauf geschissen – will sagen: Ett war lustisch mit euch
(auch wenn wir Kate leider unterwegs absichtlich verlieren mussten) –
wollja! Wenngleich ich mich auch des öfteren mangels Kräften eher
zwangsläufig so still und leise nach innen amüsieren musste...
Es muss ungefähr bei KM 14 oder 15 sein, als ich zufällig einen Blick
auf Sabines Zeitknochen erfasse, die erhaschte Zahl ungelenk in meinem
Hirnkasten von einer Ecke in die andere schiebe und leise ratternd
abstruse Berechnungen auswerfe – dem Zeitknochen nach werde ich es
kaum schaffen, vor 2:30 Std. ins HM-Ziel zu taumeln. Poh, datt brauch'
ich aber nicht wirklich...eine HM-Zeit über 2:30 Std. ist ja selbst mir
zu blöd, also irgendwo muss ja wohl auch mal Schluß sein, bitteschön....
Ein leises Stechen in den kleinen Zehen kündigt an, das dort gerade
jeweils eine kinderkopfgroße Blase geboren wird. Was soll's – das
Schlimmste was passieren kann wäre wohl ein wenig Blut im Schuh –
ruckediguh! - und dann kann ich die Zehen ja immer noch abhacken, denn
schon die böse Stiefmutter wußte „Wenn Du erst Königin bist, musst
Du nie mehr zu Fuß gehen!“ Notfalls werde ich Handkäs-Königin, wenn
es sein muss mit Musik – und überhaupt seid ihr nur ein
Karnevalsverein. Ich hadere mit mir und meinen Hirnwindungen- ach, watt
soll der Geiz...grottenlangsame HM's laufen kann ich ja jetzt zur Genüge,
ett wird Zeit für neue Ziele, nämlich grottenlangsame 2/3-Marathone
laufen. Wollja! Und heute ist ein guter Tag zum Sterben....also mach'
ich datt jetzt mal...oder doch nicht? Ich muss ja auch nicht JEDEN Spökes
mitmachen...2/3-Marathon....neumodischer Scheißdreck, das gabs früher
nicht.
Von der Gegenlaufbahn vernehme ich plötzlich ein lautes „Scheiße!
Ihr habt mick beim Gäähn erwüscht!“ Naja...im Grunde hätte ich
Kate bei überhaupt nix erwischt, wenn sie nicht so geschrien hätte....aber
wenn sie schon mal da ist, kann ich sie ja schnell mal auffe Backe
knutschen. „Du läufst den 2/3-Marathon!“ befiehlt Kate...“Mach
ich!“ entgegne ich folgsam. Einige Meter weiter kommen die Worte dann
auch in meinem Kopf an „Hab' ich gerade „Mach' ich?“ gesagt?“
vergewissere ich mich bei Sabine. „Ja!“ Hmm...ja, dann mach' ich das
jetzt eben. Gesagt ist gesagt – und wiederholen ist gestohlen.
Beim 18. Kilometerschild wird mir dann doch ein wenig bänglich
zumute...noch 10 km. 10 km sind voll weit. Echt jetzt. Für mich
zumindest, vor allem wenn ich schon 18 km vorher gelaufen bin. Aber nützt
ja nix....weil über 2:30 Std. für HM ist....jaja...genau...und neue
Ziele und Haue obendrein.
Ab dem 20. Kilometerschild liegt „Ziel“ in der Luft...die Musik
scheint lauter zu sein, die Leute scheinen schneller zu klatschen....ständig
brüllen Zuschauer „Nur noch 1 km, bald habt ihr es geschafft, ihr
seid super!“....und ähnlich dämliches Groupie-Zeugs.
Es ist merkwürdig, ins Ziel einzulaufen wenn man gar nicht ins Ziel
laufen will – die Steigerung der Merkwürdischkeit ist dann noch der
Sprecher, der vor Begeisterung schreiend die Ankunft der ersten
Marathonläuferin ankündigt – aber als ich dann der Beschilderung
„2nd round“ folge, komme ich mir schon vor wie eine mächtig coole Sau.
Ja, ja..rennt ihr nur alle ins Ziel....ich geh' jetzt auf die zweite
Runde. Ha! Am Arsch hängt der Hammer, aber sowatt von!
Die Tatsache, das wir quasi kopf an kopf mit der schnellsten Marathonläuferin
ins Ziel (bzw. durch das Ziel hindurch in die 2. Runde, bin ja eine mächtig
coole Sau) laufen, finde ich aus
irgendeinem Grund so beeindruckend, das mir fast die Rührungstränen in
die Augen schießen. Ist vielleicht auch nur Schweiß...oder Tränen der
Verzweiflung, weil ich jetzt nochmal in den Krieg ziehen muss während
die anderen Krieger schon an der reichgedeckten Tafel sitzen. Aber schön
isses schon....
Kurz nach dem „Ziel“ steht wb am Rand, sieht markig-männermodellig
aus und lacht mich an, weil ich so eine beeindruckend-coole Sau
bin....Nachdem wir das Ziel hinter uns gelassen haben und eine lange,
leere, heiße Straße vor uns liegt, bin ich allerdings überzeugt, das
er mich ausgelacht hat, weil ich so eine beeindruckend ARME Sau
bin....noch 7 km – so langsam dämmert mir die Erkenntnis, das ich
eigentlich gar nicht mehr kann....und auch eigentlich gar nicht mehr so
richtig will....aber Umdrehen wäre jetzt auch doof.
Der glühende Osram am Himmel gibt alles, und die elende Theodor-Scheißendrecks-Brücke
ist 125 km lang...ganz bestimmt, wenn nicht noch mehr. Ein hartnäckiger
Krümmel inne Trööt (übersetzt „Frosch im Hals“ Anm.d.Red.)
zwingt mich zu würgeartigen Hustenattacken und außerdem spielt Mr.
Heuschnupfen seine lustige Nasenlaufsonate. Zum Glück versorgt mich
Marcus permanent gentlementös mit Taschentüchern, so daß mir die
Notwendigkeit des Kutschergrußes erspart bleibt. ....ach ja...irgendwie
werd' ich schon ankommen. Auch wenn der letzte Teil der Strecke nicht
mehr wirklich prickelnd ist, find' ich das Laufen hier irgendwie süß.
Es ist so ruhig und beschaulich hier im Wohngebiet, einige Bewohner
stehen herum und klatschen, ein paar Grills sind aufgebaut...und ich
coole Sau mittendrin. (Die gefühlte
Temperatur lässt eher auf Spanferkel als auf coole Sau
schließen.)
Aber nu' iss' langsam bitteschön mal gut...ich möchte jetzt aber doch
bitteschön mal langsam ins Ziel kommen, wenn möglich noch bevor meine
beiden stechenden Kleinzehen zu Staub zerfallen. Außerdem tun mir die
Schultern so weh, das ich mich ständig zusammenreißen muss um nicht
vornerüber zu kippen. Genug! Ich will ins Walhalla, aber zack! „Nur
noch bis da vorne hin, das ist KM 27, dann nur noch 1 km. Bist scho a
tapferes Mädl!“ lügt Marcus barmherzig und entschwindet zu Zögling
Nr. 2, Sabine, die ein kleines Stückchen hinter uns läuft. Woah....27
km – sofern mein ausgetrocknetes Gehirn Emotionen zulassen würde, würde
ich das jetzt ziemlich geil finden. Aber so schleife ich mich bloß
leise röchelnd diese elendige Brücke hoch....elendige, Brücke,
elendige. „Hey, Danni – Du siehst super aus!“ vernehme ich plötzlich
aus dem Nebel und erblicke Daniela und Laurent, die ich zu Zeiten meines
äußerst regen Partylebens ausschließlich in Elektroclubs getroffen
habe...und nun eben zu Zeiten meines äußerst regen Läuferlebens
ausschließlich beim Mainz-Marathon...so kanns gehen. Nachdem ich dann
auch kapiert habe, das Laurent gar nicht mehr im Rennen ist, sondern
schon (vor einer ganzen Weile, wie ich hinterher in der Ergebnisliste
sehe) durch das 2/3-Ziel gerannt war, smalltalken wir ein wenig....über
Häuserkäufe, das Wohlbefinden von Olafmylove, über Training und gedämmete
Fußböden. „Heda! Belästigt Dich der Mann?“ bajuwart es plötzlich
hinter mir und Marcus schiebt sich smalltalkunterbindend zwischen uns.
Mir wird bewußt das ich mich nur noch 500 m vor dem Ziel befinde und
jetzt doch andere Dinge wichtiger sind als Häuserkaufsmalltalk mit
Bekannten...nämlich ein Endspurt – oder sowatt in der Art. „Komm,
den kaufen wir uns!“ treibt mich Marcus an und deutet kampfbereit auf
einen....ähm...naja....halbtoten, walklaufenden Herrn vor uns.
Naja...watt sollet – wenn sonst niemand da ist zum Versägen, dann
versäge ich halt diesen halbtoten, walklaufenden Herren...es wird
gegessen watt auf'n Tisch kommt! Das sich Marcus während meines
halsbrecherischen Endspurts noch gemütlich mit ebendiesem Herren
unterhalten kann, macht vielleicht deutlich, wie wenig halsbrecherisch
mein Tempo ist...aber egal – sieht mich ja keiner! Und das entspricht
der Wahrheit, denn im Ziel erwarten uns exakt 0,0 Zuschauer. Sind wohl
alle schon daheim. Bei Muttern und Kuchen. Egal. Ich bin drin. Im
2/3-Ziel nach 28 km. Und nicht gestorben und eine coole Sau
und Durst hab' ich wie selbige. Poh! Scheiß die Wand an! LECK MICH AM
ARSCH IST MIR WARM!
Hach, und abschließend bleibt mir zu sagen: Mainz
war geil. Echt jetzt. Auch wenn ich zwei kinderkopfgroße Blasen an den
Zehen habe...aber wenn ich erst Königin bin, muss ich nie wieder zu Fuß
gehen ;)