"Wir sind
Tussi"
100 km-Staffette in Biel
2006
Wie genau es nun dazu
kam, das ich als Staffelläuferin der 100 km-Staffette in Biel insgesamt
7 weitere Läuferinnen mit ins hellblaue Verderben gelockt habe, warum
unsere Staffel "Tussistaffel" (bestehend aus Barbara, Anne,
Sabine und mir) und die andere "Isnichtmehrweit" (Tessa,
Janna, Marianne und Ann-Katrin) hieß und wie Sigi, unser Freund und
Helfer in der Bieler Nacht, uns mit Thomas einen wunderbaren
Fahrradcoach besorgt hat...ja, das ist eine andere Geschichte, die an
einem anderen Ort erzählt werden sollte.....
10.06.06, Oberramsern
(irgendwo in der schweizerschen Pampa), 02.30 Uhr:
Von unten kriecht mir die nächtliche Kälte in die müden Füße, von
oben drückt mir Morpheus auf die Augenlider. Die einzige Berechnung,
die mein bettschweres Gehirn noch zulässt ist die, das ich nun seit 21
Stunden auf den Beinen bin, davon 8 Stunden im Auto verbracht habe,
davon wiederum 2 Stunden im Stau in brütender Hitze. Und da ich außerdem
die Biel-Vornacht damit zugebracht habe, mir über der heimischen Kloschüssel
die Antibiotika aus dem Leib kotzen, fehlt mir nun eine ganz
entscheidende Mütze Schlaf....und Kraft....und Wolli, meine kuschelige
Wolldecke fehlt mir auch. „Wer hatte eigentlich die dämliche Idee zu
diesem Scheiß hier?“ murmele ich in meine Schuhspitzen. Als ich
wieder aufblicke, sehe ich 3 Zeigefinger, die auf mich zeigen – und
ein leicht schadenfrohes Grinsen in Sigis Augenwinkeln. Ach ja, das war
ja ICH – nun ja...bei Licht betrachtet (wovon es hier in der Nacht
eher wenig gibt) war die Idee doch nicht so schlecht – und schlafen
kann ich ja noch genug wenn ich tot bin (wobei mein gefühlter
Todeszeitpunkt mit großen Schritten in die Nähe rückt)
.....was
tu' ich hier??
10.06.06, Bibern (noch viel tiefer in der schweizerschen Pampa),
08.00 Uhr :
Mein Schlafentzugometer zeigt 26 Stunden - und da mein Gehirn längst
auf Autopilot geschaltet hat und ich nur noch albernes Gekicher und „Huiuiui“
als Antwort auf Sigis Versuche der Kommunikation von mir geben kann, möchte
ich doch jetzt bitteschön endlich mal laufen, bevor ich in die
Strohballen der als Umkleide umfunktionierten Scheune sinke und mitsamt
meiner rustikalen Bettstatt am Montagmorgen ans Vieh verfüttert werde.
Hufescharrend zupfe ich an Sigis Ärmel - „Willste nicht mal den
Thomas anrufen?“ Mir scheint, er will nicht – aber weil er diese
Nacht alles tut was wir Tussis wollen,
zeigt sich Sigi gewohnt hilfsbereit und funkt via Mobilchen unseren
wundervollen Fahrradcoach an. „Los, Sabine ist gleich da!“ heißt es
eine Sekunde später. Zu Hülfe, es geht los! Ich presche in die
Wechselzone, wo mir ein grauhaariges Orgamännchen wirre Worte
entgegenwirft. Meine Taktik, auf Sätze in dieser merkwürdigen Sprache
hier einfach mit einem dämlichen Lacheln und Kopfnicken zu reagieren,
geht nicht auf – der will irgendeine Antwort von mir. Mein hilfloses
Entgegenstrecken der Startnummer auf meinem Bauch scheint ihm aber zu
genügen – und da kommt auch schon Sabine angeprescht. Ich reiße ihr
den Transponder vom Leib, brabbele Unverständliches (unverständlich
selbst für MICH, die meine Sprache doch kennen sollte) und hüpfe über
die rote Gummimatte. Vor mir liegt hämisch grinsend eine bescheuerte
Gebirgskette mit dem noch viel bescheuerten Namen „Buchliberg“ die
ich gemäß Sigis Anweisung nicht hochgehen darf, sondern laufend
erklimmen soll. Huiuiuiui...
Am Kopfe des Buchliberg steht ein blonder Engel und lächelt
morgensonnenstrahlenumflort auf mich herab. Bin ich tot - und im Himmel?
„Mensch, wo bleibst Du denn?“ grinst der Engel frech, und meine
Hirnwindungen spucken nach diversen Sprach-Vergleichstests den Namen
„Ann-Kathrin“ aus, was unter logischen Gesichtspunkten betrachtet
durchaus Sinn macht...schließlich ist ÄiKäi vor wenigen Minuten erst
buchlibergberennend am Firmament verschwunden. Da sich unser wunderbarer
Fahrradcoach noch nicht IN und sich der Rest der Meute schon längst AUS
Sichtweite befindet, wellnesswalken wir
noch ein Stückchen, bis der bescheuerte Buchliberg endlich zu Ende ist,
die Luft wieder dicker wird und es sanft bergab geht. Der Wald liegt in
morgendlicher Stille vor uns, die Luft ist wunderbar kühl, frisch und
still und die Sonne leuchtet golden zwischen den Bäumen hindurch –
und SCHEISS DIE WAND AN ICH LAUFE GERADE IN BIEL!!! Vor lauter
Ergriffenheit über diesen Moment steigt mir das Wasser in die Augen...ähm,
will sagen, weil ich so übermüdet bin und außerdem die Bieler Pollen
extrem aggressiv sind, beginnen meinen
Augen ein wenig zu tränen. Ja, genau...übermüdet....und die
Pollen...sonst nüschte.
Nach einer Weile beginnt die sanfte Neigung des Weges stark nach unten
zu kippen, was sich alsbald ein wenig in Oberschenkeln und Knien
bemerkbar macht. ÄiKäi und ich beschließen übereinkommend, das
Bergablaufen scheiße ist und jetzt doch gerne mal wieder ein Berg
kommen kann. Soll er doch nur kommen, der Berg! Ha! Da lachen wir
doch drüber, über den Berg...aber sowatt von!
Wir führen sinnbefreite Unterhaltungen,
wie man sie nur morgens um 08.30 Uhr in Biel führen kann. Und wenn wir
gerade mal keine sinnbefreite Unterhaltung führen, nutze ich die
Gelegenheit für ein paar heimliche Ergriffenheitstränchen...ähm...Müdigkeits-Augenauslaufen....und
die Pollen....jaja... Irgendwie ist aber auch alles so schön, so
vollkommen streßfrei, so ruhig – kein Publikum, keine Sambabands,
kein Gedränge an der Verpflegung – hällisch. Echt jetzt.
Angesichts der ersten Verpflegungstelle fällt mir ein, das ich außer
einem Nußkipferldingens, einem Marmeladentörtchen aus Barbaras Wundertüte
und einer Semmel, die Sigi vom Bratwurstverkäufer für mich erschnorrt
habe nix gegessen habe – ist recht wenig für die ganze Nacht und erst
recht für mich. Und weil alles hier so ruhig und streßfrei ist, machen
wir erstmal Päusken und bedienen uns
ausgiebig an dem dargebotenen Läuferspeisenbuffet. Es gibt Bananen,
Orangen, Brot, Törtchen, Energieriegel und jede Menge Getränkeauswahl.
Rein damit – der nächste Berg kommt bestimmt.
Aber zuerst kommt ein wunderschöner See...ein wunderschöner Weg, der
wunderschön drumherum führt....und so langsam auch eine wunderschöne
Hitze. Ich schnaufe wunderschön vor mich hin und fühle mich gerade
nicht sonderlich belastbar. Aber wir
haben ja schon 4 km geschafft – sind ja
nur noch 19,5 km...und 19,5 km gehen immer. Jawohl. Und bald kommt ja
auch wieder ein reichhaltiges Buffet..ähm....Verpflegungstationdingensda.
Und da es langsam echt warm wird und wir
vom sinnbefreiten Bielmorgensplaudern schon Risse in den Lippen haben,
greifen wir beherzt zu beim Wasser und
wellnesswalken schlürfend weiter. „Wir wollen euch laufen sehen!“
schreit es plötzlich aus dem Nichts und wir
erblicken Sigi und den Teil der Tussis, die ihren Teil der Abmachung (nämlich
Laufen) schon erfüllt haben. Jessas nee – kann man hier nich' mal in
Ruhe trinken? Wir laufen ein wenig für
den Fotografen und verfallen alsbald wieder in Walkschritte, um jetzt
bitteschön mal die Becher in Ruhe leerzutrinken.
...schön
laufen für den Fotografen....
„Der Sport heißt
LAUFEN!“ brüllt Sigi dikatorisch hinter uns her. Entnervt kippe ich
mir den letzten Rest Wasser in den Hals und wir
laufen weiter. So. Da hammers. Jetzt happich Seitenstechen von der
schnellen Sauferei. „Zu haschdisch dringge iss nett guat!“
schweizschwäbelt Thomas mahnend. Hmpf!
Irgendwann nähert sich dann heimtückisch und fies-grinsend der nächste
Berg - „Ha!“ japse ich, ein Lachen vortäuschend, um dem Berg meine
Unbeeindrucktheit zu zeigen. „Ha, HA!“ lacht Ann-Kathrin bekräftigend.
Dem haben wir's aber gezeigt, dem Bergdoofmann, dem doofen. Beim
Versuch, das Ganze noch durch ein mutiges „Ha, ha, HA!“ zu toppen,
verkrampft sich mein Zwerchfell und ich würge nur noch ein gequältes
„Haaaa“ hervor. Naja..ist ja auch genug gelacht jetzt, jetzt wird
erstmal gelaufen – den Berg hoch, ha. Ha, ha, ha. Nachdem wir
dem Berg mal richtig gezeigt haben, wer hier die Tussi
im Ring ist, gehen wir noch ein
klitzekleines Stückchen zum Ausschnaufen. Nu' iss' aber langsam auch
gut, könnte denn jetzt vielleicht doch mal so langsam das Ziel kommen?
Und überhaupt, warum tun mir den bloß die Beine so weh? „Woah, das fühlt
sich ja an wie bei KM 38“ staunt Ann-Kathrin beim erneuten Anlaufen
nach einer Verpflegungsstelle, ich bin empört. So hammer nich' jewettet,
ich wollt' doch hier keinen Marathon laufen. „Au, au, au“ quäke ich
leise in mich hinein, als schon der nächste Berg naht. „Ha!“
„Au!“ „Ha, ha, HA!“ „Au!“
„Du musst den Schmerz umarmen, dann wird er dein Freund“ verlese ich
unsichtbare Motivatonssprüche aus meiner Handinnenseite. „Den größten
Teil der Strecke läuft man mit dem Kopf“ verkündet Ann-Kathrin. Während
wir nun darüber nachdenken, ob man nun
den Kopf umarmen soll oder ob das eher so mental gemeint ist, quasi, führt
die Strecke in ein wunderbar schattiges Waldstück...hällisch....die Übermüdung
und die Pollen machen sich erneut an meinen Tränensäcken zu schaffen
und obwohl mir die Beine weh tun und das Ziel bitteschön doch mal
langsam kommen könnte, finde ich es hällisch....“Ssssupprrrrr“
findet es wohl auch Ann-Kathrin und Thomas? Der grinst nur noch......
Irgendwann heißt es dann „Nur noch 1 km, dann warten die Anderen und
ihr könnt zusammen ins Ziel laufen“, und ich sehe blö – irgendwer
greift sich mein verschwitztes Patschehänden und wir
laufen ins Ziel, während der Sprecher verwirrt etwas von „Tussenstaffel“
und „Isnichtmehrweit“ verkündet.

Und weil ich danach immer noch nicht viel geschlafen und gerade erst
wieder 6 Stunden Auto gefahren bin, sind
die Geschichten über Worte mit vier Buchstaben, die nicht „Ziel“
und auch nicht „Doof“ heißen Geschichten, die ein andermal erzählt
werden sollen, oder vielleicht auch gar nicht, ich muss ja nicht immer
alle Eindrücke mit der Öffentlichkeit teilen ;) – es war hällisch...es
war anstrengend....morgens um 03.00 Uhr in Oberramsern war es vor allem
„total bescheuert“, es war ganz anders als alles was ich vorher
belaufen habe - und irgendwann komme ich wieder, um als alte Zauselette
die W85 aufzumischen. Jawohl.
Zwei Dinge noch: Das „Team“ hat einfach rundum super gepasst, es war
wirklich ein Erlebnis, in jeder Hinsicht – und Sigi und Thomas sind
die Allerbesten und und werden von mir (und bestimmt auch den anderen
teilnehmenden Blö-etten) zur „Tussi ehrenhalber“ernannt. So.
Und ich kann 23,5 km laufen, ganz ohne Schlaf....das sollte auch nicht
unerwähnt bleiben ;)
Weitere Tussigeschichten
in blö gibt es übrigens hier: http://www.annegret-luther.de/biel2006.html