Ick
bin ein Börtlicher!
Straßenlauf in Bertlich (15
km) - 30.11.2004
Der Tag davor
Oh Mann, warum hab` ich mir das angetan....15 km – ICH, der ewige
Groupie und „Du siehst super aus!“-Brüller... und jetzt DAS! Den
ganzen Samstagvormittag verbringe ich in hektischer, sinnloser
Betriebsamkeit und erst als eine SMS mit dem Text „Wir sind schon da,
wann kommst Du? Die Hamburger“ eintrudelt fühle ich mich
veranlasst, den Corsa zu besteigen und gen Bertlich loszudüsen. Die
Fahrt verläuft bis auf die plötzlich aufleuchtende unbekannte
Kontrolleuchte im Corsa-Cockpit und ein klitzekleines bißchen Verfahren
ereignislos und mittlerweile doch in Vorfreude entbrannt erreiche ich
die Pension Overdieck, besser bekannt als „Bertlicher-Straßenläufe-Wohnheim“
und – oh Wunder – stosse genau wie in Ehrwald zuallererst auf Jörg,
na wenn das kein Zeichen ist, Jörg ist da, alles wird gut.
Nicht nur Jörg, auch der ganze Rest deutschlandweit angereister
Läuferlein, trudelt ein und nachdem Grandmaster Hajott Reflektorbänder für
ALLE (jawohl, für alle) verteilt und auch der Ehrwalder Erich endlich
da ist, alle Mann lautstark „HUUUNGER!“ geplärrt und unruhig auf und
abgesprungen sind, geht es im Gänsemarsch gen „Ivan“ .
An evening at Ivan`s
Nach der Sitzplatzvergabe stellen Mik und ich uns gleich der ersten
Aufgabe des Abends – den dackelblickigen Kellner (Ivan...NATÜRLICH)
zu einem Lachen zu bewegen, und zwar nicht irgendein Lachen, sondern
mindestens ein VIERER (also Ha!-Ha!-Ha!-Ha!) Trotz aller Mühe und
Slapstickeinlagen bekommen wir nicht mehr als einen DREIER (ohne Zähne)
aus ihm heraus, datt iss aber auch `ne harte Nuss, der Ivan! Der schenkt
uns NIX! Lieber erstmal ein Bierchen trinken, datt mit dem Ivan könnte
`ne längere Sache werden!
Mit Trauermiene bringt Ivan unsere Speisen, und es herrscht einträchtiges
Mümmeln. (Ivan lacht immer noch
nicht) Plötzlich erscheint ein zweiter Kellner (Ivan2), der uns
sogleich einen FÜNFER MIT ZÄHNEN schenkt, geht doch – und wenn ich
auf langhaarige Schmier-Latinos mit Bauchansatz stehen würde, wäre
Ivan2 genau mein Typ. Also mache ich Ivan2 umgehend einen Heiratsantrag,
den er aber mit gespieltem Bedauern und Vorzeigen seines blankpolierten
Eherings („Isse erssst ssseit drei Monate“) ablehnt, zum Trost
trinkt er allerdings einen Schnaps mit mir, was mir im Grunde auch
lieber ist – da ich eben nicht auf langhaarige Schmier-Latinos mit
Bauchansatz stehe. Während Anneke sind von Pit IN DEN MUND
fotografieren lässt und ich heimlich noch ein Schnäpschen trinke und
das andere auf der Tischdecke ausgiesse, passiert das Unglaubliche:
„EIN FÜNFER MIT ZÄHNEN!“ schreien Anne und Mik gleichzeitig! Es
ist passiert, Ivan hat gelacht - ich hab`s verpasst und schlimmer noch
– es war NICHT mein Verdienst, ich bin sowatt von langweilig, ich kann
noch nicht mal „machen das Ivan einen Fünfer macht“.
Gar köstlich wars bei Ivan
Während der kommenden Stunden wird viel gelacht, oft „Ich zünd` Dich
an“ gebrüllt, viel nackte Haut (Steffen) gezeigt und noch das ein
oder andere Bierchen vernichtet, bis der Ivan - ohne zu lachen - mit der
Rechnung wedelt. „Ach, jetzt lach` doch mal!“ fordere ich,
schliesslich sind wir zahlende Gäste und wollen entsprechend entertaint
werden. Ivan`s Dackelblick-Augenlider senken sich noch einen Tick weiter
nach unten „Isch kann nischt“ murmelt er leidend. Das kann ich ja
leiden, man kann IMMER wenn man will! „Warum nitt?“ frage ich
unwirsch „Isch bin traurisch, mein Freundin hat misch verlassen!“
DAS kann ich ja noch mehr leiden, wir sind schliesslich zahlende Gäste
und wollen...genau! „Sei doch froh das Du die Schlampe los bist!“
versuche ich Ivan zu trösten, aber er will trotzdem nicht lachen...und
warum ist es plötzlich so still am Tisch und warum gucken alle so
komisch? Ich hab`s doch nur gut gemeint, ährlisch!
Und obwohl wir zahlende Gäste sind und gerne noch ein Bier trinken würden,
jammert Ivan etwas von „Muss morgen früh aufstehen“ und „Schliessen
in 10 Minuten!“ Jemand muss etwas tun! „Ach komm, nur noch eine
Runde, daheim wartet doch sowieso keiner auf Dich!“ (Die Schlampe ist
ja schliesslich weg!) Meine Argumentation leuchtet Ivan ein und er
bringt mit traurigem Blick die letzten Biere an unseren Tisch. Dann ist
aber wirklich Schluss (aber sowatt von) und die beiden Ivans passen wie
die Schiesshunde auf, damit wir auch ALLE das Lokal verlassen. Wir
kümmerlicher Rest sind die letzten
Mohikaner und auf dem endlos langen Heimweg diskutieren wir fachkundig,
ob ein weiteres letztes Bier der Wettkampfvorbereitung dienlich sein könnte.
Das Unheil nimmt seinen Lauf
An der Entscheidungs-Ampel tagt der Krisenrat – Should I stay or
should I go? Ins Bett, schlafen und retten was zu retten ist oder
vielleicht doch noch auf ein aller-allerletztes Bierchen in den
hellerleuchteten Irish Pub gehen – ach, was soll`s...wenn ett doch SO
schön ist und wer weiß was morgen ist, morgen könnt` ich schon tot
sein (hätte ich zu dem Zeitpunkt nur ansatzweise geahnt wie nahe ich
diesem Zustand morgen kommen würde hätte ich...es ganz genauso
gemacht, schätze ich....) Das erste Bier ist schnell geordert und
schmeckt gar köstlichst, und nachdem wir allesamt unsere Polaruhren zum
Leuchten gebracht, die Tageszeit abgelesen und mit unheilschwangeren
Stimmen „Das wird die Hölle“ verkündet haben, schmeckt auch die
zweite Runde ganz wunderbar. Das Bier scheint aufgrund der hier
herrschenden hohen Luftfeuchtigkeit unter unseren Schlündern zu
verdunsten – kaum dreht man sich um, schon sind die Gläser schon
wieder leer – aber nachdem wir uns gegenseitig beteuert haben das wir
super aussehen und das noch was geht, könnten wir ja eigentlich noch
eins....noch ein kleines schnelles....Blick auf die Uhr „Oh Gott, das
wird die Hölle!“ Gegen zwei Uhr verabschieden sich Anne und Anneke
gen Pension Overdieck weil (Zitat Anneke) „sisch meine Kontaktlinsen
gerade rückwärts durch die Netzhaut ins Gehirn fressen“....ja,
nee...datt woll`n wa ja nich`.....
“Wenn Du da jetzt mitgehst zünd` ich Dich an!“ droht Peter – und
da ich nicht als Jeanne d`Arc für Anfänger mein junges Leben beenden möchte
bleib` ich halt noch, zumal Bier und Begleitung ja wirklich lecker
sind.....“Das wird die Hölle“.....
Drum singe wem Gesang gegeben.....
Und trinke wem ein Getränk gegeben....
In meiner Funktion als Frollein-Übermut habe ich bei Ivan grossmäulig
angekündigt, Olli im Armdrücken zu schlagen, aber nach eingehender
manueller Prüfung seines Bizeps muss ich mir dann doch erst noch ein bißchen
Mut antrinken - der Abend ist ja noch jung und es sind ja erst „Kurz
nach 2 oder so“....“Das wird die Hölle!“....aber genug Mut hab`
ich immer noch nicht.....und lustig ist es immer noch und das Bier ist
immer noch lecker.......und nach weiteren interessanten visuellen und
manuellen Prüfungen verkündet der Polaruhren-Vergleich „Kurz vor 3
oder so“....Alscho scho langscham müschten wir aber schon mal
heimgehn....morgen iss` ja Wettkampf-und-so...aber jetzt ist eh schon
alles verloren, Kellner Marcel ist der Verzweiflung nahe und alles wird
gut....und eins geht noch, oder? Gegen „Halb vier oder scho“ sind
wir uns einig, das es doch langsam Zeit wird....“müschen ja noch rägäneriiieren
und scho...und morgen isch Wettkampf und scho“....und „Ich zünd`
Dich an!“ und „Das wird die Hölle“ und überhaupt sind wir ja
nicht zum Vergnügen hier!
Nu' aber nüscht wie heim, zackzack!
Unter Absingen diverser Gassenhauer taumeln...ähm....marschieren wir
kerzengerade und elfengleich gen gemietete Ruhestätte, wobei einer
unserer Mitstreiter noch das dringende Bedürfnis verspürt, ein 2 x 2
Meter grosses Werbeplakat von einer Plakatwand abzutrennen, sich
komplett darin einzuwickeln und so hübsch dekoriert über den Gehweg zu
kugeln. Und datt sah super aus – da wär` noch watt gegangen!
Im Hausflur von „At Overdieck“ gibt`s noch Gutenachtküsschen für
alle und versuche, eine der beiden Türen zu unserem Zimmer zu öffnen
– nachdem ich mir ein Auge zugehalten hat geht das auch erstaunlich
gut und irgendwie schaffe ich es noch unter Aufbietung aller Willenskräfte
aus meinen Klamotten zu kommen und ins Bett zu plumpsen....oh Gott, das
wird die Hölle! Mir ist irgendwie gar nicht mal so gut und mich
beschleicht die leise Ahnung das das was ich gerade getan habe nicht das
ist, was Peter Greif als optimale Wettkampfvorbereitung ansehen würde.
Ich werde sterben!
Und dummerweise habe ich bei ALLEM das Problem das ich nicht kann wenn
ich soll – und jetzt SOLL ich einschlafen, und zwar schnell, weil es
in 4 Stunden Frühstück gibt und danach dieser blöde Lauf ansteht und
warum zur Hölle hab` ich mir den Scheiss überhaupt angetan?
„Schlafe, Frollein Grünhorn, schlaf eiiiiin“....nützt nüscht...Anneke
atmet so laut, das Zimmer wackelt und meine Haare tun mir weh – und
das Guiness, die blöden Schnäpse, das Weizenbier und das Pils haben
sich ganz fürchterlich in meinem Magen gestritten und sind jetzt bockig
und wollen umgehend raus! Freundlich wie ich nun mal bin tue ich Ihnen
den Gefallen und gucke mir die Kloschüssel mal genauer an – und
vollkommen rücksichtsvoll versuche ich dabei so leise wie möglich zu
sein. („Schatz, ich hab` extra ganz leise gekotzt, damit Du nicht wach
wirst!“). Schlafen will mein blöder Körper aber immer noch nicht,
sondern lieber noch ein bißchen Karussell fahren....huiiii....eine neue
Runde, eine neue Wahnsinnsfahrt – UND DIE NÄCHSTE RUNDE GEHT RÜCKWÄRTS!
Anneke atmet weiter vor sich hin (im Nachhinein bin ich recht froh, das
sie die Atmung nicht aus Rücksicht auf mich eingestellt hat) und ich
beginne mich von dem Gedanken an den Lauf zu verabschieden. Sobald ich
stehen kann, werd` ich mich heimlich wegschleichen, heimfahren und mich
nie wieder im Forum blicken lassen, das wird im Getümmel morgen
(nachher! In 2 Stunden!!!) niemandem auffallen. Und Laufen tu ich nie
wieder! Und SAUFEN schon gar nicht! Und somit erkläre ich meine
erfolgreiche Läuferkarriere in diesen frühen Morgenstunden für
beendet – aber SOWATT von! Eine Stunde später piepst Annekes Wecker
und ich vernehme statt dem Atmen ein leises „Aaaaah!“
„Ich lauf` nich`!“ murmele ich gequält und mitleidheischend in die
Richtung aus der das „Aaaaaah“ kommt. „NATÜRLICH läufst Du“
ist die schlaftrunkende Antwort. Am Arsch, Frollein – ich bin TOT, ich
kann nicht laufen! „Nee, mir iss` so schlecht, ich schaff das nicht“
jammere ich weiter. „Naja, besser als wenn Du aus Feigheit kneifen würdest!“
und damit iss ` die Birne geschält. Leicht duhnig schleppe ich mich
unter die Dusche in der Hoffnung meinem moribunden Leib neues Leben
einhauchen zu können, die Wirkung des Bertlicher Wassers wirkt jedoch
keine nennenswerten Wunder.
Ich seh`s schon vor mir „15 km-Lauf wegen Trunkenheit geschmissen“,
wie peinlich! Wie stilllos! Wie uncool! Ich bin ein Nichts und ein
Niemand und außerdem ist mir schlecht. Ich ziehe mir irgendwas an und
schleppe mich die Treppe hoch, um die unfrohe Botschaft zu verkünden
und mir meine berechtigen Schimpfe abzuholen.
Meine stille Hoffnung das auch die anderen Mitzecher krankheitsbedingt
ins Groupielager wechseln würden wird umgehend durch den Anblick von
Pit zunichte gemacht, der mir fröhlich entgegenspringt, lautstark nach
einem Bier verlangt, mir ein alkoholgeschwängertes Morgenbussi aufdrückt
und aussieht wie das blühende Leben. Ich hasse ihn!
Als nächstes Mitglied der illustren Trinkerrunde betritt Stefan den
Frühstücksraum – und hier das gleiche Bild: Strahlendfrische Optik,
ein Lächeln auf den Lippen....was sind das bloss für Menschen? „Ist
Dir schlecht?“ frage ich vorsichtig. „Klar!“ ist die Antwort. „Läufst
Du heute?“ taste ich mich weiter vor. „Klar!“ Verdammt!
Der von Pit kredenzte Orangensaft der mir angeblich Besserung bringen
soll reizt meinen gequälten Magen bis zum Unerträglichen, aber quer über
den Frühstückstisch zu spucken wäre selbst für mich ein nicht zu
verzeihender Faux-pas, also leide ich still in mich hinein. Allein Olli besitzt den Anstand, ein wenig blass um die Nase auszusehen, aber auch
bei ihm lautet die Antwort auf die Frage „Läufst Du heute?“ ohne zu
zögern „Klar! Das wird die Hölle!“ Dreckspack! Bin ich denn die
einzige Memme hier? Mit einem kräftigen „Moin!“ betritt nun auch
Buschi die Bühne....und eigentlich muss ich ja nichts mehr sagen, oder?
Blendendes Aussehen, wie der junge Morgen, und eigentlich muss ich gar
nicht mehr fragen, aber die Hoffnung stirbt bekanntlich zuletzt
„Und....läufst Du heute?“ Verständnisloser Blick buschiseits
„Klar, warum denn nicht?“ *
Ich stelle mich meinem Schicksal
WARUM NICHT? Verdammt, ihr könnt mich doch alle mal! Dann lauf’ ich
eben auch diese beschissenen15 km und wenn es das Letzte ist was ich tue
(und so wie ich mich fühle WIRD es das Letzte sein). Obwohl ich meinen
schwachen dehydrierten Leib dringend mit Wasser auffüllen und stärken
sollte reicht die Zeit dann irgendwie doch nur für ein halbes runtergewürgtes
Brötchen und einen Kaffee – aber da ich in spätestens 2 Stunden
sowieso tot sein werde ist das letztendlich scheissegal. Oh mein Gott,
ich werde sterben! Obwohl alles andere als verkehrstauglich gelingt mir
die Anfahrt dank Mik an meiner Seite geradezu vorbildlich, wenn man das
einmalige Rammen der Bordsteinkante und leichte Schlangenlinien gnädig
außer Acht lässt. Ich fühle mich wie Jeanne d`Arc auf dem Weg zum
Scheiterhaufen und stelle mir in Gedanken schon ein paar wahnsinnig
heroische Letzte-Worte zusammen....soll ich braveheart-like
„FREIHEIT“ rufen und dabei die Faust gen Bertlich-Himmel recken oder
mit dramatischem „Für Gott und unsere Ehre"Seufzer mein Leben
aushauchen? Naja, das kann ich ja immer noch spontan entscheiden, erst
einmal muss ich mich anmelden. ANMELDEN! Oh, mein Gott, ich werde
sterben! Irgendwie dauert mir das alles viel zu lange, nur noch 1 Stunde
bis zum Start, das schaffen wir doch NIE! (Im Grunde war überhaupt
nichts mehr zu erledigen, nur noch Startnummer aufpappen und loslaufen,
aber irgendwie ist da wohl in meinem Gehirn eine Paniksicherung
durchgeknallt)
Den netten jungen Herrn der mich an der Anmeldung anspricht
identifiziere ich als Ray Steel, wobei „Räääh, ich bin so uffjerescht!“
wahrscheinlich nicht gerade das Coolste ist was man so an ersten Worten
an einen Menschen richten kann (aber Räääh, Du verstehst das, ja? Ich
war ja so UFFJERESCHT!) ...und ab da weiß ich irgendwie nicht
mehr viel, nur das ich fürchterlich nervös und zappelig war – und
falls ich irgendeinen Läufer NICHT mit den Worten „Wir haben bis 04.00
Uhr gesoffen, ich werde sterben, ich bin so uffjerescht“ begrüsst
haben sollte, dann kann er sich bei mir melden und bekommt einen Preis.
Und ENDLICH geht`s zum Scheiterhaufen...ähm...STARTBEREICH, und auf dem
Weg dahin verlasse ich meinen Körper und schwebe über mir her, die
Situation ist so surreal....ein bunter Haufen Foris auf dem Weg zu einem
Wettkampf und ich (ICH!) mittendrin! Und mir ist so unglaublich
schlecht....aber „Gekotzt wird erst wieder im Ziel“ ermahnt mich Susi. Ich hoffe mein Magen hält sich an die Anweisung und bemühe
mich um Haltung. Im Nachhinein sehe ich, das im Startbereich wohl auch
Fotos gemacht wurden, kann mich aber an nichts anderes als mein „Ich
werde sterben!“-Mantra erinnern und als plötzlich alle loslaufen,
laufe ich sicherheitshalber mal hinterher. „Du siehst super aus, da
geht noch watt“ foppt mich Pit....gleich ist alles vorbei, gleich
werde ich tot sein und muss nie mehr laufen, geschweige denn
saufen....alles wird gut...und in der Hölle ist es bestimmt kuschlig
warm. Als wir am Ende der Stadionrunde die johlende Forimeute passieren,
entblösse ich meine obere Zahnreihe in der Hoffnung ein Lächeln vortäuschen
zu können – bloss wech hier!
Und immernoch fühle ich mich wie in Trance/dem falschen Film/einem Gemälde
von Dali als eine wohlbekannte Stimme am Strassenrand „Watt iss DATT
denn? Tempo, datt iss ein WETTKAMPF“ poltert – spätestens wenn ich
gleich tot bin wird es Ralf noch leidtun mich so angebrüllt zu haben!
Und dann isses zu spät! Ha! Wie mir Susi hinterher dezent mitteilt
bin ich wohl auf dem ersten Kilometer ein „wenig verspannt“ und ich
erinnere mich auch noch genau daran, höchst zickig auf Äußerungen wie
„Nur noch 14,5 km, dann sind wir schon da!“ reagiert zu haben....und
warum ich mir freiwillig so `ne Scheisse angetan habe ist mir bis dato
auch noch schleierhaft. Doch dann, bei der 2. Kilometermarke geschieht
das Wunder von Bertlich – meine Übelkeit weicht einer leicht
bekloppten Albernheit und ich finde es plötzlich hällisch (aber sowatt
von!) mit diesen wunderbaren Menschen (Restalkohol, klarer Fall) ganz
weit hinter diesem langen Läuferwurm herzulaufen....und der Abstand zum
Läuferwurm wird länger und länger....und ich finde es hällischer und
hällischer.....vielleicht muss ich ja heute doch noch nicht sterben? Wär
ja schon schön irgendwie!
Pit stellt die einzige Regel für diesen Lauf auf „Auf gar keinen Fall
lassen wir uns von der Walkerin da hinten überholen“ - ansonsten ist
alles erlaubt. Mit zunehmenden Glückshormonen verspüre ich das Bedürfnis
lauthals zu singen, plärre aber auf Rücksicht auf das Gehör meiner
Mitläufer nur ein paar Textzeilen von Sinatras „My way“ ins
Bertlicher Land. Die freundlichen Polizisten die uns ein „Ihr seid
aber spät dran“ entgegenrufen, feuern wir lautstark mit „Ihr seht
super aus, da geht noch watt!“ und „Macht euch nackisch“an. Ich fühle
mich super – da geht noch watt! Pit wechselt kurzfristig in die
Walkerliga und walkt heftig armeschwenkend und popowackelnd neben uns
her, was vielleicht einen kleinen Eindruck unseres Wettkampftempos
vermittelt und uns (Susi und ich) Lachkrämpfe beschert und Schweinehündin
Anneke zum heftigen Fluchen („Sieht das SCHEISSE aus!“) animiert.
Dann erreichen wir den ersten Verpflegungsstand meines jungen Läuferlebens,
wie aufregend – ich kann endlich mal Plastikbecher in die Botanik
werfen nachdem ich mir den gesamten Inhalt über die Brust gekippt habe!
Jetzt bin ich einer von EUCH!
Fidi und Anne sind langsam aber sicher außer Hörweite und Pionierin
Uli-goodfella spielt für uns den Spähtrupp, was an dieser Stelle
nochmal einen ganz besonderen Dank wert sein sollte: Uli ist mit
Sicherheit die einzige Läuferin, die die 15 km von Bertlich in satten
16 km zurückgelegt hat, ständig ist sie zwischen den
Kilometermarkierungen hin- und hergetrabt um uns lauthals den
Zwischenstand zu verkünden und hat dabei weder Hügel noch Abhänge
gescheut! Super, Uli – da geht noch watt!
Und wie das geht, mit jedem gelaufenen Meter macht die Strecke mehr
Spass, Pit und ich singen noch einmal kurz das Sauflieder-Repertoire vom
Vorabend durch und auch Peter`s freundliche Bestellung „Ich nehm` ein
Pils“an jedem Verpflegungsstand verliert auch nach dem 5. Mal nicht an
Situationskomik.Anneke gibt sich alle Mühe, ihre Aufgabe als Motzkoffer
zu erfüllen, aber nach 5 Kilometern flucht sie nur noch halbherzig und
als Pit sie dann auch noch gentlemanlike ein paar Meter schiebt, nennt
sie ihn nur noch viertelstündlich „Arschloch“ - na also, da geht
noch watt!
Nach 7,5 km ist Bergfest, es gibt Jubelschreie, La-Ola, Stimmungslieder
und Kusshände für alle – wobei „alle“ nicht wirklich viele sind,
im Grunde nur Uli an der Spitze und wir 4 - und die lauernde Walkerin am
Horizont die gegen uns Tempowunder aber nicht den Hauch einer Chance
hat.
Plötzlich hallen schnelle Schritte hinter uns – hat die
Walkerschlampe es etwa doch geschafft? Mitnichten und mitneffen, wir
werden soeben vom ersten Marathonläufer überholt, der von den Anderen
mit begeistertem „Super, da geht noch watt“ und von mir mit „Geht
das nicht SCHNELLER?“ (Wie schnell man doch das fachgerechte
Groupieren verlernen kann wenn man erst in die Läuferliga aufgestiegen
ist!?) angefeuert wird. Ich finde einen kindischen Gefallen daran, jedem
(wirklich JEDEM) Läufer lautstark „Geiler Arsch“ hinterherzubrüllen,
wobei ich gestehen muss das ich teilweise noch nicht mal hingeguckt habe
– aber der gute Wille zählt! Einige Läufer lupfen sogar ihr Shirt für
eine bessere Aussicht aufs Hinterteil und ein besonders nettes Exemplar
legt sogar extra für uns ein paar popowackelnde Tanzschritte hin (während
Pit den Waldboden bewässert) und wird dafür von uns frenetisch
bejubelt.
„Hey, ihr Säufer, das geht doch wohl SCHNELLER!“ schallt es mit
eindeutisch zuzuordnender schweizerischen Einfärbung hinter unserer
Truppe – Spike hat uns eingeholt und läuft locker-flockig an uns
vorbei, nicht ohne wie befohlen seine Jacke zu lupfen damit wir seinen
Popo bejubeln können und diesmal gucke ich auch hin – sieht super
aus, Renato, da geht noch watt!
Kurze Zeit später ein weiteres bekanntes Stimmchen „Jetzt aber mal`n
bißchen Tempo!“ - Sylvi flitzt als erste Frau an uns vorbei und wird
ebenfalls bejubelt. Watt hamm die bloss alle an unserem Tempo
auszusetzen? Faschteschnitt! Wir sehen doch super aus....und gehen tut
da auch noch watt!
Ab Kilometer 11 oder 12 spielen meine Glückshormone vollkommen verrückt
und ich bekomme Lust, alle wildfremden Läufer die uns reihenweise überholen
zu knutschen, beschränke mich aber wohlerzogen darauf, nur den
bekannten Läufer wie Stefan, oLi und Hendock ein „Super, da geht noch
watt“ entgegenzuplärren. Durch den Sog der vorbeirasenden Marathonis,
Halbmarathonis und Weiß-der-Deibel-Tonis haben wir wohl unbewusst das
Tempo ein wenig angezogen und wuppdich! brüllt Anneke „Ich seh GRÜN!“
was übersetzt so viel heissen soll wie „Da vorne ist eine grüne
Kilometermarkierung wie sie für unseren Lauf verwendet wird“ und
bedeutet konkret: Kilometer 13! Noch 2 Kilometer und ich bin nicht
gestorben....im Gegenteil, mir geht`s sowatt von grossartig! Ich liebe
alles und jeden und könnte jeden knutschen und ich sehe super aus und
da geht noch watt und ich lebe noch!
Als wir die Strasse zum Stadion herunterlaufen winken und jubeln Regina
und Daggi und liebe sie und könnte sie knutschen – und als der
Sprecher auch verkündet „Daniela Mohr mit der
Startnummer 4040“ könnte ich ihn gleich mitknutschen – aber da
braucht sich der Typ nix drauf einbilden, ich bin gerade nicht so wählerisch!
Beim Einlaufen ins „Stadion“ verklärt sich meine Wahrnehmung so
weit, das mir die Aschebahn wie ein roter Teppich vorkommt und auch
Annekes „Ich hasse Dich, Du Schlampe!“ klingt in meinen glücksseligen
Ohren wie „Ich liebe Dich, Du Engel“. Hinter mir läuft fidi - es
dauert geschätzte 5 Minuten bis mein Gehirn die Meldung „Der Maler
hat in diesem Bild EINEN Fehler versteckt“ ausspuckt – fidi müsste
doch längst im Ziel sein. „Watt machst Du denn hier?“ frage ich überrascht
- „Laufen“ ist die Antwort...ach so, das ich da nicht selber drauf
gekommen bin! Fidi kann augenscheinlich vom Zieleinlauf einfach nicht
genug bekommen und begleitet uns noch ein Stückchen.
Endspurt? Da hab` ich aber sowatt von keinen Bock drauf, lieber würde
ich ein paar Pirouetten drehen oder fliegen – aber die Gefahr über
meine eigenen Füsse zu fallen und die Aschebahn zu küssen ist zu gross,
also bemühe ich mich um Haltung und Contenance, obwohl ich aufgrund des
Surrealismus der Situation beinahe einen Lachkrampf bekomme – ICH
oller maroder Knochenhaufen laufe in ein Ziel...und zwar in exakt
dasselbe Ziel wo vorher all diese wunderbaren Läufer durchgerannt sind, kann das wahr sein? –
Scheiss die Wand an! Aber SOWATT von!
Ich höre ein paar Leute jubeln, Uli lässt mir zu allem Überfluss auch
noch galant den Vortritt obwohl sie es verdient hätte als Erste
einzulaufen, und ich bin drin! ICH BIN DRIN! Das war ja einfach! Hällisch!
Ein fremder Mann hält mir ein piependes Ding vor die Brust (meine
Startnummer wird gescannt), Phönix und Hajott rufen „Bleib mal
stehen“ und ausnahmsweise macht es mir überhaupt nix aus fotografiert
zu werden....und abgesehen von der fehlenden Schampusdusche und der
Tatsache, das kein Männerchor in Latex „Stand up for the champion“
singt ist alles genauso wie ich mir das immer gewünscht habe. Ein
wunderschöner, vollkommen entspannter, lustiger Lauf in relaxtem Tempo,
ohne selbstauferlegten Druck und Zeitvorgabe, jeder Menge Spass und ganz
vielen tollen Läufer im Ziel - und das Gefühl, das auf jeden Fall noch
mehr gegangen wäre wenn ich nur gewollt hätte hab` ich in vollsten Zügen
genossen. Und - ich bin NICHT gestorben! Ich kann alles, ich bin
Wonderwoman (ein bißchen Restalkohol war wohl doch noch da....)
Nachdem ich meine allererste Nach-Wettkampf (darf man „Wettkampf“
sagen auch wenn man NICHT gekämpft hat?)-Dusche in einem schlammgetränkten
Umkleideraum genossen habe, marschiere ich mit stolzgeschwellter Brust
in die Halle und gönne mir zwei Siegerwaffeln! Ich bin gestorben,
wieder auferstanden und zur Göttin geworden, wer von Euch kann da
mithalten, hä? (Restalkohol....) Und schau an – Räääh hat doch
glatt beim 15-er einen Pokal gewonnen! Der gehört mir! Räääh konnte
nur gewinnen weil ICH ihn vor mir hergehetzt habe, ich beschliesse den
Pokal in einem unbeobachteten Moment an mich, die rechtmässige
Besitzerin, zu reissen....aber irgendwie habe ich das dann doch
vergessen.....
Nach und nach trudeln alle Läufer wieder ein, auch Stefan und Olli sind
nicht gestorben und sehen super aus (da geht noch watt) und bevor der
Bericht jetzt alle Forumskapazitäten sprengt, verabschiede ich mich
schweren Herzens von allen Mitläufern und fahre nach Hause.
Danke Bertlich!
(Und.....Wettkampfvorbereitung, Schlaf, Wasser, Frühstück....ist alles
Quatsch, das braucht kein Mensch.....)
Da geht noch watt!
Nachtrag
Jetzt hab` ich doch glatt meine Zeit vergessen...dabei ist das doch
immer so schröcklich wichtig - also: 1:41:34 Std. und 4. Platz in
meiner Alterklasse!