Der Bär(g) ruft - ein
Abenteuerroman aus Neubrücke
Bärenfelslauf in
Neubrücke 2006
(Achtung, der Bericht ist
vermutlich länger als Halbmarathon-Berichte sein sollten - und spiegelt
dennoch nur die Hälfte meiner schönen Eindrücke wieder....ich bitte
um Verzeihung für die Länge des Textes, aber man muss ihn ja nicht
lesen
)
„Wollen wir nicht in 3 Wochen beim Bärenfelslauf mitlaufen?“ fragt
mich Bernd eines schönen Tages per PM und erinnert mich sogleich daran,
das ich nach den Schilderungen von Eric
über ebendiesen Lauf irgendwann in 2004 mal verkündet habe, dort ggf.
mal in Erics Staub laufen zu wollen. Diese Ankündigung war natürlich
mittlerweile längst vergessen und was kümmert mich außerdem mein
Geschwätz von gestern und prinzipiell verkünde ich viel wenn der Tag
lang ist, aber trotzdem finde ich den Gedanken spannend. Ein RICHTIGER
Trail. Ich bin noch nie bei einem vergleichbaren Lauf wie www.baerenfelslauf.de
mitgelaufen.....und warum eigentlich nicht? Ist mal was anderes...jaja....
Die Tatsache, das der Bärenfels-HM saubere 500 Höhenmeter aufweist,
ich seit dem Röntgenlauf im vergangenen Herbst keine nennenswerten
Steigungen außer „Brückenauffahrten“ unter die Füße genommen
habe und mir außerdem gerade mal 3 Wochen zum Trainieren bleiben,
ignoriere ich dezent. Auch die Tatsache, das ich beim 14km-langen
Testlauf mit gerade mal 200 Höhenmetern zwei Tage später
wie-feuer-brennende Beinmuskeln und eine astmatische keuchende Lunge
vorzuweisen habe und Gehpausen einlegen muss, kann mich auch nicht mehr
wirklich schrecken. Sind ja noch fast 3 Wochen, das wird schon werden...ähm....
Eine Woche vor Start wird mir nun doch ein wenig bange, nachdem ich bei
brütender Hitze und ein paar im Vergleich lächerlichen Steigungen im
Wald beinahe den Löffel abgebe – aber jetzt sind wir angemeldet und
und jetzt wird auch gelaufen. Irgendwie kommt man da schon drüber, über
den Bärenfels. Die Bilder, Links und Berichte, die mir Bernd regelmässig
schickt, ignoriere ich einfach – bangemachen gilt und nicht und wenn
ich das Drama mit eigenen Augen sehe, ist es immer noch früh genug für
Panikattacken.
Am Tag des Geschehens (23.07.2006) leiten uns nach einer etwas
abenteuerlichen Anfahrt durch das Moselgebiet inkl. Vollsperrung einer
Ortsdurchfahrt und einem Bestäuben mit Gift durch einen Hubschrauber im
Ort „Neubrücke“ hübsche Bärenfelslauf-Schilder zu einem
Parkplatz, vor dem ein hektisches Männlein wild gestikulierend die
Parkwilligen einweist. „Wättsache, Händiesch unn Schlüsell könnt
ihr hinne abgebbe, mir hann enn Tresor do!“ brüllt es uns geschäftig
durch das geöffnete Fenster herein. Ich habe zwar keine einschließungswürdigen
Wättsache zum abgebbe dabei, bin aber beruhigt zu wissen das ich könnte.....wenn
ich wollte...schließlich iss ja enn Tresor do.
Auf einer Wiese im Wald spielen ein Wohnwagen und ein kleiner Pavillion
mit Biertischen den Startbereich. Am Wohnwagen werden die Startnummern
ausgegeben, deren Anblick mir einen kleinen Begeisterungsquietscher
entlockt – die Nummern sind richtig liebevoll handgemalt, laminiert
und gelocht, richtig niedlich. Das kostenlose Läuferfrühstück das vor
dem Pavillion angeboten wird, ist mindestens genau so niedlich – eine
alte Dame mit wildem Grauhaar verteilt emsig Marmeladenbrötchen,
Waffeln, Kuchen und Energieriegel und entschuldigt sich unablässig (und
ungefragt) dafür das der „Kaffee schonn uff esch“. Mittlerweile
wird die Schlange an der Startnummernausgabe länger und länger,
wohingegen die Zeit bis zum geplanten Startschuß immer kürzer wird.
Scheint aber niemanden zu stören- in Neubrücke hat man Zeit. Auch als
Startnummerausgeber mit mäßig lauter Stimme „He, sach' dem Micha ma'
B'scheid, es wird'n halb Schtund' schpäte mit'm Schtart!“ irgendwo
ins Off murmelt, verändert sich die Atmosphäre nicht nennenswert. Kein
mauliges Murren und Füßescharren der bereits startnummernbestickten Läufer,
kein Anstieg der Betriebsamkeit in der Warteschlange – in Neubrücke
ist man gelassen. Muss man wahrscheinlich auch, wenn man noch 63 km vor
sich hat, was zählt da 'n halb' Schtund? Da ich aber nur den
verharmlost als „Mini-Trail“ bezeichneten Halbmarathon vor mir habe
und die morgendliche Kühle langsam einer feuchten Badewannenwärme
weicht, nehme ich mir das Recht heraus, ein bißchen nervös hin- und
herzuhüpfen.
In einem kleinen Grüppchen nicht-nervös-hin-und-herhüpfender
startnummerbestickten (handgemalt, nur um meiner Begeisterung darüber
erneut Ausdruck zu verleihen) Laufwilliger entdecke ich Eric und hüpfe
über die feuchtwarme Wiese, um guten Tag zu sagen. Eric will hier (natürlich!)
die gesamten 63 km laufen, und erzählt fröhlich etwas von „zu spät
ins Bett gekommen“, „ein bißchen zu viel getrunken am Vorabend“
und „den Bärenfelslauf langsam angehen zu lassen“. Nee, iss'
klar....aber als er mir dann von seinem in Bälde anstehenden nächsten
Läuferziel berichtet, verstehe ich wohl die mangelnde Aufregung hier
angesichts der pupsig, ach, geradezu lächerlich wirkenden 63 km die
jetzt vor ihm liegen. Seine Zeitplanung für diesen Bärenfelslauf
irritiert mich allerdings ein wenig - „langsam angehen“ bedeutet für
ihn, die jeweils 21,1 km langen Runden in ca. 2:50 Stunden laufen zu
wollen. Verwirrt kratze ich mich am schwitzenden Schädel – 2:50 Std.für
Halbmarathon? „Die Strecke hat es in sich, da musst Du ca. 30 Minuten
auf Deine normale Halbmarathonzeit draufrechnen“ verkündet er (immer
noch fröhlich lächelnd) „ungefähr 3 Stunden wirst Du wohl
brauchen!“ Meine Kinnlade plumpst scheppernd zu Boden. Das lässt ja
hoffen. Teuflisch lächelnd (zumindest in meinen Augen, vermutlich war
das Lächeln einfach nur vorfreudig) plaudert er von Abschnitten, bei
denen man über Schotter rutschen muss oder sich an Felsen hochhangeln....von
Stellen wo niemand laufen kann und man schon beim GEHEN Schwierigkeiten
bekommt weil es so steil, rutschig und wurzelig ist...ich entferne mich
unauffällig zurück Richtung Bernd. Ich will nicht alles wissen, was
mich bei dem Lauf erwartet – wenn ich vor irgendwelchen Steilwänden
stehe ist es ja immer noch früh genug mich damit auseinanderzusetzen.
Um die Wartezeit zu überbrücken schlendern wir nochmal am Läuferfrühstück-Buffet
vorbei und ich mampfe einen der dargebotenen Müsliriegel. Die alte Dame
ist noch verzweifelter als vorher, denn jetzt ist zwar eine neue
Kaffeemaschine da, aber das „neumodännische Zeuch“ will einfach
nicht funktionieren. Sich mehrfach wortreich entschuldigend hebt sie den
Deckel an, zeigt uns das Kaffeepulver, hebt die Hände gen Himmel,
beteuert fast weinerlich das es nicht ihre Schuld ist und schimpft
weiter auf das neumodännische Zeuch (Anm. d. Red. - die Kaffeemaschine
hat geschätzte 2 Jahrzehnte auf dem Buckel, laut Bernd „Modell
Bundeswehr 1970“ ). Nun ja – ich wollte ja sowieso keinen Kaffee,
mir ist warm genug und gleich wird gelaufen, aber die Grauhaardame
scheint mir so verzweifelt, das ich zumindest ihr Angebot, mit dem heißen
Wasser aus der neumodännischen Kaffeemaschine einen Pulvertee
Geschmacksrichtung Zitrone zuzubereiten, nicht ausschlagen mag.
Allerdings schmeckt heißes Wasser mit Kaffeegeschmack und einem Löffel
Zitronenteepulver so schauderhaft, das ich das heiße Gebräu partout
nicht herunterwürgen kann und unauffällig hinter dem Pavillion in die
Botanik entsorge – mit entsprechendem schlechten Gewissen allerdings.
Bernd ist tapfer und schlürft sein heißes Kaffeewasser (ohne Zitrone)
bis zum letzten Tropfen aus. Sehr höflich, wie ich finde.
Das Zeiteisen zeigt mittlerweile 08.30 Uhr, von einer hektischen „Vor-Startschuß-Betriebsamkeit“
ist immer noch nichts zu spüren. Dafür spüre ich allerdings langsam,
wie sich in meinem Nacken der Schweiß sammelt, die Temperaturen
beginnen zu klettern (vielleicht hat mich auch der Schluck
Kaffeezitronentee in Wallung gebracht). Gegen 08.35 Uhr ruft der
Startnummerausgeber zu einer Dame aus dem Orgateam (wobei mir Orgateam
fast schon unpassend vorkommt, es scheint mir eine „Bärenfelslauffamilie“
zu sein) „Sach' mal B'scheid, es kann lossgähe“. Statt „B'scheid“
zu sagen, verschwindet die Dame allerdings erstmal in dem
Startnummernwohnwagen und ähm...kommt einfach nicht wieder heraus? Man
macht sich keinen Streß in Neubrücke. Eine Weile später erscheint die
Dame mit einem Pappteller, auf dem ein kleiner Kuchen steht, und
schlendert Richtung Startbanner. Öhm...man macht sich WIRKLICH keinen
Streß in Neubrücke. Ich bin beeindruckt bis amüsiert, würde aber
dennoch eigentlich ganz gerne jetzt mal so langsam loslaufen...es wird nämlich
nicht kühler....und überhaupt...so'n bißchen laufen wäre jetzt nicht
schlecht, so um 08.40 Uhr.
Der Startnummernausgabemann kommt mit einer großen Hupe herangeeilt und
verkündet das sich alle „zum Schtatt begäbe solle“. Da nicht ganz
klar ist, wo genau der Schtatt ist (irgendwo auf der Wiese liegt ein
Startbanner neben einem Zielbanner, daneben eine kleine schwarze Matte),
knubbeln sich erstmal alle Läufer auf einem Haufen herum. Eric wünscht
mir Glück und Spaß, ich wünsche ihm irgendwas das ich in der
Aufregung vergessen habe (es war hoffentlich nicht Pech und Schwefel
oder sowas, das wäre mir schon etwas peinlich), der Herr mit der Hupe
zeigt an, das sich der Startbereich auf der anderen Seite des Baumes
befindet, alle Läufer drehen sich einmal um ihre Achse und plötzlich
stehe ich in der ersten Reihe. Äh! Ich sehe vor meinem geistigen Auge
schon Meldungen wie „Schwitzende Rothaarige behindert Start der
Spitzenläufer beim diesjährigen Bärenfelslauf“ und tippele panisch
ans Ende des Läuferknubbels. „Jetzt müsst ihr alle mal ganz leise
sein!“ schreit der Hupenmann, betriebsames „Psssst“ in dem Läuferknubbel
und – ein Startschuß? Fehlanzeige. Man hat ja Zeit in Neubrücke. Der
Herr begrüßt fröhlich alle Läufer, entschuldigt sich für die Verspätung
aufgrund der vielen Nachmeldungen mit denen niemand gerechnet hat, und
gibt ein paar Warnungen und Ratschläge mit auf den Weg – wir sollen
zusehen das wir ordentlich trinken, denn es wird affenheiß...und an den
Stellen auf der Strecke, wo man nicht laufen, sondern sich auf allen
vieren den Hang hochziehen muss, sollen bitte die anderen Läufer auf
ihre Mitläufer achten und sich gegebenenfalls untereinander helfen und
hochziehen. „Das ist KEIN Witz“ bekräftigt er eindringlich. Nö..glaube
ich direkt, hab' ja auch nicht gelacht. Ach ja, und es gibt sogar einen
Kilometer auf der Strecke, der FLACH ist...(ich freue mich), der führt
aber direkt durch ein Biotop und macht nasse Füße (ähm...naja...) und
danach kommt „die Wand“, da vergißt man seine feuchten Füße
sowieso direkt (äääh.....) Und nochmals mit Nachdruck: Auf den
letzten 8 km gibt es keine Verpflegungsstelle mehr, also „trinkt
vorher ordentlich und nehmt euch noch was mit- es wird affenheiß!“
Hm...jaaa-haaaa....
Gut, wir haben jetzt 08:42 Uhr, so langsam könnten wir ja mal....“Und
hier ist heute noch ein Geburtstagskind, nämlich der 'namehappichvergessen'
(die Dame hält den Kuchen hoch, in dem nun ein brennendes Kerzchen
steckt) und jetzt wird gesungen!!!“ Ich weiß nicht ob ich lachen oder
vor Rührung weinen soll, als der Läuferpulk augenblicklich brav ein
lautes „Happy birthday to yoooou“ anstimmt....Neubrücke ist großartig.
Hier ist die Läuferwelt noch in Ordnung. Hier wird noch gesungen wenn
ein Teilnehmer Geburtstag hat. Pünktlicher Start hin oder her.
„Auf die Plätze! Fertig! Eins, zwei, drei!“ Huuup! Und los geht’s
– immerhin schon um ca. 08.45 Uhr, da kann man ja nicht meckern. Der
Pulk knubbelt sich ein wenig unkoordiniert herum, ich habe auch nicht
wirklich verstanden wo wir jetzt herlaufen sollen obwohl der Sprecher es
doch ganz ausführlich erklärt hat (happich wohl wieder nich' richtig
zugejört, tz, tz, tz), aber ich laufe einfach mal den Anderen
hinterher, die kennen den Weg bestimmt. Ich freue mich richtig auf den
Lauf und bin total gespannt was mich hier wohl erwartet. Zuerst einmal
erwartet mich ein Feldweg, auf dem es schon mächtig warm und dampfig
ist.
Nach einer Weile höre ich Erics Stimme hinter mir „Ach, die Daniela
ist ja noch vor mir“ und muss kichern. ICH laufe vor Eric – das kann
ja nur ein Versehen und nicht von langer Dauer sein. „Ich wollte doch
in Deinem Staub laufen“ schreie ich nach hinten. „Keine Angst, das
wirst Du noch!“ schreit es zurück. Eric hoppelt ein wenig
locker-flockig neben mir her (wobei ich schon ein wenig schwitze und
pruste) und beplaudert mich ein wenig, aber bei der ersten Steigung
komme ich schon nicht mehr richtig mit. Ein paar Läufer beginnen zu
gehen, um Kräfte zu schonen – ich habe mir aber vorgenommen so weit
zu laufen bis es nicht mehr geht und dann zu gehen bis es wieder läuft....und
noch läuft es....puuh....“Das ist eh nur ein Berg von vielen, da
kommen noch einige“ murmelt irgendwer hinter mir. Trotzdem – es wird
gelaufen und nicht gegangen, zumindest vorerst....puuuuh.... Irgendwann
ist Eric dann aus meinem Blickfeld verschwunden, lässt aber jede Menge
Staub zurück durch den ich laufen kann.
Es geht „nicht mehr ganz so steil bergauf“ was ich dankbar zur
Kenntnis nehme – bergab gar wäre jetzt wohl ein wenig viel verlangt,
Neubrücke macht genügsam. Ich hoffe hinter der nächsten Kurve ein
wenig flache Strecke zu finden, aber nachdem es weit über mir im Wald
plötzlich laut „Daniela, gib alles“ ruft, begrabe ich diese
Hoffnung dann doch lieber wieder. Bei der ersten Verpflegungstelle, wo
ein alter Mann unablässig unverständliches Saarländisches von sich
gibt und emsig Wasser schöpft und verteilt, sehe ich Eric dann zum
letzten Mal. Bernd und ich „trinken ordentlich“ vom Wasser, wir
haben es ja quasi versprochen und es wird schließlich affenheiß
werden. Dann geht es weiter durch den wunderschönen Wald – trotz der
vielen Steigungen bin ich begeistert von der tollen Strecke, es ist
wunderbar in Neubrücke (auch wenn mir ab und an ein wenig Schweiß in
die Augen tropft und mir die Wahrnehmung erschwert).
Mittlerweile gehen wir dann doch an den steilsten Stücken, wir haben ja
schließlich noch eine lange Strecke vor uns und müssen Kräfte schonen
– und schon bald gilt es den Bärenfels zu erklimmen. Juchhe. Die
Streckenführung ist zwar abenteuerlich (teilweise werden wir mittels
rot-weißem Absperrband über Pfade geführt, die es eigentlich gar
nicht gibt und schmal und unwegsam quer durch das Unterholz führen)
aber perfekt – in Neubrücke ist Verlaufen nahezu unmöglich, die
Beschilderung und Absperrung ist wirklich absolut idiotensicher. Einen
steilen wurzeligen Trampelpfad später ist er da, der Bärenfels – mit
Händen und Füßen und jeder Menge Schwung kommt man aber recht gut
hoch und wieder runter, und man wußte ja vorher was einen erwartet (und
es macht Spaß und ist anstrengend und absolut toll!)
Am Fuße des Bärenfelsens die zweite Verpflegungstelle. Mein unwilliges
Grummeln darüber, das ich jetzt nicht AUGENBLICKLICH einen Becher
Wasser in meine keuchende heiße Kehle kippen kann, weicht einem
schlechten Gewissen als ich sehe, das eine einzelne ältere Dame hier für
das Läuferwohl zuständig ist und geschäftig und umsichtig Wasser und
Speisen verteilt. Da kann es halt mal ein Minütchen dauert, bis jeder
schwitzenden Läufer einen Becher Wasser in der Hand hält. Und außerdem
bekomme ich gleich nach dem ersten auch schon einen zweiten Becher in
die Hand gedrückt. „Eßt und trinkt ordentlich, ihr habt noch einiges
vor euch!“ Jawohl. Ich trinke noch einen dritten Becher Wasser, der
mir in der heißen Kehle zu verdunsten scheint. „Habt ihr genug
gegessen? ESST! Ich hab das extra für euch hier angerichtet!“ Und
schon hat die Dame wieder einen Apfel in der Hand, den sie flotten
Fingers in mundgerechte Stückchen zerschneidet und auf einem Teller
anrichtet. Jessas. Ich komme mir vor wie bei Muttern und würde die fröhliche
Dame am liebsten mal feste drücken. Bevor wir loslaufen können, fragt
sie erneut, ob wir denn wohl genug gegessen und getrunken haben.
„Hier, nehmt euch ein Kekschle, die habe ich extra für euch
gebacken“ und zwar mit einem Nachdruck, der glauben lässt, diese
nette Dame hätte die ganze Nacht extra und ganz speziell für Bernd und
mich mit viel Liebe im Schweiße ihres Angesichts diese wirklich lecker
aussehen Kekse gebacken, die mich aber im Moment leider nicht wirklich
verlocken können. Schließlich ist es affenheiß. Und außerdem esse
ich beim Laufen sowieso fast nie etwas. Keine Widerrede. „Dann nimm'
Dir eins mit uff de Hand für unterwegs!“ ermahnt mich die Bärenfelslauffamilienmutti,
und da kann ich jetzt nicht wirklich widerstehen, also nehme ich mir
brav ein „Kekschle uff die Hand für unterwegs“ „Nimm noch eins,
die sind doch so klein!“ Jawohl, also noch ein Kekschle in die
schwitzige Hand gepackt, sich artig bedankt und weiter geht’s. Und
wenn die Dame schon extra für mich die ganze Nacht gebacken hat, muss
ich das Kekschle nun wohl auch aufessen.
„Nich' so ideal beim Laufen, oder?“ murmelt Bernd mit vollem, krümeligen
Mund. Und auch mir scheint das Kekschle jede Feuchtigkeit aus dem Mund
zu ziehen, obwohl der Geschmack wirklich lecker ist. Puh. Mit viel
Willenskraft schaffen wir es, das trockene Gebäck zu zerkauen und zu
schlucken, aber ein zweites Kekschle geht bei mir partout nicht mehr
rein, also entsorge ich es mit viel schlechtem Gewissen ins Gebüsch.
Entschuldigung an die nette Dame - aber was nicht geht, geht einfach
nicht. Und bestimmt freut sich heute Nacht ein hungriges Waldtier darüber.
Der Bärenfelslauf ist spannend – man weiß nie was einen hinter der nächsten
Kurve erwartet: Steiler Schotter querfeldein, wurzelige Pfade die so
steil bergab gehen, das schon GEHEN viel Koordination erfordert,
beschauliche grüne Waldwege oder ein Wirtschaftweg durch ein Kornfeld,
auf das die Sonne ballert. Man wird genügsam beim Bärenfelslauf –
als wir nach einer erneuten Steigung schnaufend über einen Schotterweg
traben, auf dem kinderkopfgroße herumliegende Steine das Traben
erschweren, meint Bernd das er sich wohl normalerweise über die dicken
Steine ärgern würde....“Aber hier ist man einfach nur froh, das man
noch lebt“ Und genauso ist es. Man lebt noch. Puh. Eine weitere
Verpflegungstelle bei KM 10 oder 11, wo zwei gutgelaunte alte Herren
fleißig Cola, Wasser und diverse Leckereien verteilen. Da ich mich
langsam doch ein wenig schläpplich und ausgeschwitztlaugt fühle,
versuche ich mein Glück mit Cola, die mir aber nicht so wirklich gut
bekommt und beim nächsten Anstieg unangenehm in meinem Bauch gluckert.
Macht aber nüscht. Die Strecke entschädigt für alles. Aus diesem
Grund vermisse ich wohl auch während des gesamten Laufs meine Uhr nicht
– ich habe keine Ahnung wie lange wir schon unterwegs sind und wo wir
zeitlich liegen. Man lebt noch, das zählt. Und es ist so spannend,
scheißendrecksanstrengend, schweißtreibend und wunderbar hier, das es
mir wurscht ist, wenn ich erst nach 3 Stunden im Ziel sein
sollte....oder nach 4....letztes Jahr hat der langsamste HM-Läufer gut
4:30 Std.gebraucht. 4:30 Std. Abenteuer für schlappe 10 Euro, ein
wahres Schnäppchen.
Hinter einer Kurve hängen plötzlich Luftballons in den Büschen. Huch?
Hat wieder jemand Geburtstag? Wundern tut mich hier gar nix mehr. Soweit
man blicken kann (also bis zur nächsten Kurve) ist der Weg mit
Luftballons gesäumt, und in den Büschen hängen DIN-A-4-große
Cartoons und jede Menge Spongebob-Bilder, sorgfältig einlaminiert und
gut befestigt „Hier hat wohl jemand ein Laminiergerät bekommen“
schmunzelt Bernd – und obwohl die geschmückten Büsche und Bäume
keinen fühlbaren Sinn ergeben, freuen wir uns darüber, das irgendein
Mitglied der Bärenfelslauffamilie hier extra für uns den Wald geschmückt
hat. Bei einem überfüllten Stadtmarathon hat schließlich noch niemand
Luftballons, Cartoons und Spongebob-Bilder für mich in die Büsche
gehangen. In Neubrücke macht man das. Nur für uns. Für nur 10 Euro
Startgeld. Unglaublich finde ich das und unheimlich rührend und schön.
An der letzten Verpflegungsstelle bei KM 13 (an der wir anweisungsgemäß
ordentlich trinken weil es affenheiß ist) sind zwei Damen eifrig bemüht,
jede durstige Kehle zu befeuchten. „Hier, nimm' Dir was mit für
unterwegs“ und wuppdich, habe ich eine kühle 0,5-Liter-Flasche mit
Eistee in der Hand. „Isch kann die noch nischt uffgemacht, isch muss
jo Wasser einschängge!“ enschuldigt sich die Dame bei mir. Uffmache
kann ich die Flasche aber auch selber, und überhaupt bin ich schon
wieder ganz gerührt von so viel Fürsorge. Mit uffgemachte Flasche in
der Hand führt uns die Strecke mal wieder über eine Steigung...eine
FIESE Steigung, die aber so unschuldig und hübsch in den Wald
eingebettet ist, das ich ihr nicht böse sein kann. Lauf schnaufend und
schwitzend quäle ich mich eisteeschwenkend den Bärsch ruff, vor mir
eine Läuferin, deren wild hin- und herbaumelnder Zopf mich schon die
ganze Zeit beeindruckt hat – der Zopf baumelt nämlich nur beim
Laufen, nicht beim Gehen....und der Zopf ist das die ganze Zeit
gebaumelt, die Dame ist fast jede Steigung hochgelaufen, erstaunlich.
Als ich mich schnaufend nähere, blickt sie sich um, wohl in Erwartung
eines Walroßes – und wir plaudern ein wenig (sofern mein Schnaufen
das zulässt). Der blonde Zopf gehört einer Dame aus dem Ruhrgebiet,
die mir aber nur auf genaues neugieriges Nachfragen hin erzählt, das
sie schon 4 x in Folge die 100 km in Biel gelaufen sei, aber auf mein
beeindrucktes „Toll!!“ nur eine abwiegelnde Handbewegung macht.
„Nee, nee!“ Ach ja, stimmt...100 km laufen kann ja jeder, da ist ja
überhaupt nix Tolles dabei. Pöh. Wir rutschen gemeinsam den nächsten
Abstieg herunter, dann fällt sie ein wenig zurück, schließlich hat
sie noch gut 48 km vor sich.
Das angekündigte Biotop ist allerdings nicht so feucht wie erwartet, da
hat wohl die heiße Sonne in den letzten Wochen ihr übriges getan –
daher müssen sich wohl auch die herumschwirrenden hungrigen Bremsen auf
MICH stürzen. Prost. Trinkt nur alle ordentlich von meinem Blut, schließlich
ist es affenheiß. Und nimmt euch was mit für unterwegs.
Wir laufen um die nächste Kurve (von denen es auf der Strecke gefühlte
100 Stück gibt, hinter denen sich jedesmal eine Überraschung verbirgt)
und – stehen vor „der Wand“. Es geht fast horizontal den Wald
hoch, kein Pfad, kein Weg....nüscht. Nur rot-weißes Absperrband und
Wurzeln. Naja – die Strecke über einen Trampelpfad zu führen wäre
wohl zu langweilig gewesen, also ab durch die Mitte...ähm...Wand. Da
ich beide Hände zum Bäumegrapschen und Gleichgewicht-Halten brauche,
stopfe ich mir die fast leere Eistee-Flasche in die Hose und hangele
los. Irgendwie geht es, auch wenn mir ein scharfe Schmerz im Schuh bei
einer unkontrollierten Bewegung kurz vor dem Abrutschen signalisiert,
das mir gerade ein Zehennagel umgeklappt oder abgerissen ist. Sei's
drum, ist nicht zu ändern – Hauptsache, man lebt noch. Neubrücke
macht genügsam. Oben steht ein Mitläufer und zieht einige Gipfelstürmer
an den Händen hoch. „Soll ich helfen?“ fragt er, aber ich lande
dann doch lieber mit beiden Händen im Staub...nicht gerade die beste
Wahl. Puh. Ich verschnaufe kurz und süffele meinen Eistee leer, der
zischend in meiner Kehle verdampft. Die leere Flasche hinterlasse ich an
einem Kilometerschild, das sicher heute noch abgebaut wird. Noch 2
Kilometer. Beine und Lunge werden langsam unwillig, aber die Strecke
birgt nur noch ein paar kleine Anstiege, die mir nach „der Wand“
geradezu lächerlich erscheinen. Man lebt noch.
Nach einer Weile führt der Weg auf eine Wiese, auf die Sonne
knallt...affenheiß. Als Bernd „Komm', die da vorne kriegen wir
noch!“ verkündet und das Tempo anzieht, realisiert mein taubes Hirn
das es die gleiche Wiese ist, über die wir nach dem Start gelaufen
sind...also...ZIEL in Sicht, bzw.nach der nächsten Kurve....natürlich.
Und jetzt will der auch noch einen Endspurt, jessas. Ich beiße die Zähne
zusammen (selbst mein Zahnfleisch scheint zu schwitzen) und keuche
hinterher. Nachdem wir „die da vorne“ fulminant überholt haben,
liegt hinter der nächsten Kurve aber nicht die Zielwiese, sondern ein
Stückchen asphaltierter Wirtschaftsweg, das mir kilometerlang
vorkommt...aber mit Hirn auf Autopilot traben wir einige Augenblicke später
über die kleine schwarze Zielmatte, einige Anwesende applaudieren,
irgendwer schreit „Super“ und mir tropft mein Schweiß ins Ohr.
„War das toll“ keuche ich und Bernd nickt fröhlich mit
rotschwitzigem Kopf (Wie MEIN Kopf wohl aussehen mag, daran mag ich gar
nicht mal denken). Ach, war das toll....und scheißendrecksanstrengend
und steil und wunderbar.
Wir kippen uns die angebotenen Getränke in die heißen Kehlen und
freuen uns. Neubrücke ist der Wahnsinn. Ich mampfe Melone, Apfel und
ein Stückchen Kuchen (aargh...trocken!) und schlürfe Kirschschorle.
Man lebt noch. Alles andere ist wurscht. Irgendwann fällt mir ein „Git
es eigentlich eine Zeit?“ Ach ja...Bernd hatte ja die Stoppuhr dabei.
„2:45 Std.“ zeigt diese an. Ja, leck' mich inne Täsch....nicht nur
das der Lauf einfach nur genial und abenteuerlich war, jetzt ist sogar
noch die Zeit gut. - bzw. was man hier „gut“ nennen kann. Neubrücke
macht anspruchslos.
Währenddessen rennt gerade der schnellste Marathonläufer ins Ziel –
einer dieser schwarzhäutigen Spitzenläufer Marke Paul Tergat, der hier
merkwürdig deplaziert wirkt. Der gehört zum Frankfurtmarathon oder
nach Berlin, aber hier auf der dampfenden Wiese in Neubrücke wirkt er
sonderbar. Am Kopf hat er eine blutende Platzwunde und taumelt umgehend
zu den Sanitätern. Scheinbar ist er unterwegs gestürzt auf einem der
zahlreichen Schotterrutschpisten. „Datt kommt von der Rennerei!“
murmele ich und Bernd nickt „Sacht man ja den Kindern schon!“ Ob es
diesem Herren niemand gesagt hat oder ob er nicht hören wollte, können
wir aber nicht herausfinden. Auch ob die Platzwunde noch genäht wurde
und er an der Siegerehrung teilnehmen kann, ist uns bislang nicht
bekannt.
Nach einer Weile fühlen wir uns fit genug, um das angebotene kostenlose
Erdinger-Alkoholfrei-Freibier zu testen...und ein wenig auf einer
Bierbank herumzulungern („Wie Waldorf und Statler“ verkündet
FrauWerwolf, die diesen Anblick sogleich fotografisch festhält). Und
ein wenig herumzuschlendern und uns zu freuen über dieses Abenteuer,
das hinter uns liegt.
Es ist wirklich phantastisch, was diese Leute hier in privater Arbeit
auf die Beine stellen, ich habe noch nie einen so liebevoll
organisierten Lauf erlebt – von der selbstgemalten Startnummer
angefangen bis zum reichhaltigen Läuferfrühstück über die herzlichen
Verpflegungstände und der absolut gigantischen aussergewöhnliche
Strecke. Hier bekommt man noch was fürs Geld, bzw. hier bekamen wir
deutlich mehr fürs Geld als erwartet. Dafür rauche ich gerne jeden
noch so tollen Stadtmarathon in der Pfeife...
Mit leicht schweren Beinen und schönen Erinnerung grüßt herzlichst
Frollein Grünhorn
am 23.07.2006