Silvester
(Hust) Lauf (Hust)
Silvesterlauf in
Frankfurt 2004
Ich bin gar nicht erkältet. Das war einmal. (Schneuz) Und ist
mindestens 48 Stunden her. Deswegen trete ich natürlich auch beim
Silvesterlauf in Frankfurt an (Nies). 10 km laufe ich doch noch mit
einem halben Nasloch. Gut, ich bin seit zwei Wochen nicht gelaufen, weil
mich Fieber (Hust), Husten (Schneuz) und Schnupfen (Nies) aufs Lager
gedrückt haben. Aber jetzt ist alles vorbei (Schnief).
Ich rolle mit meinem Fiat Tipo, der schon ganz zugemoost ist, weil er so
wenig bewegt wird, zum Waldstadion. Auf dem Weg blüht das Moos weiter
auf, denn man staut sich zum Parkplatz. Wie jedes Jahr. Oder vielleicht
doch ein bisschen mehr als jedes Jahr. Viele Menschen stehen hinter
ihren Autos und werfen sich in ihre frisch geschenkten
Funktionsklamotten. Ich weiß natürlich, was sie noch nicht zu wissen
scheinen: sie werden sich noch zweimal umziehen. Vor einem Silvesterlauf
zieht man sich immer zweimal um. Die Witterung schlägt ja in
Silvesterlaufgegenden schneller um als im Gebirge. Woher soll man eine
Stunde vorher wissen, was man tragen wird? Spätestens bei der
Befestigung der Startnummer fällt die Laufjacke dem Shirt zum Opfer.
Man will das gute Teil ja nicht mit Sicherheitsnadeln akupunktieren. Ich
habe dagegen ein Startnummernband. Denn ich bin eine vorausschauende,
clevere Läuferin. Leider habe ich es heute morgen nicht gefunden. Ich
finde es eigentlich nie, wenn ich es benutzen will. Sei`s drum.
Ich arbeite mich also mit meiner tonnenschweren Tasche (Drink für
vorher, Drink für nachher, Hustenbonbons für währenddessen, Taschentücher,
drei verschiedene Outfitvarianten) Richtung Stadion. Früher war das
alles ganz einfach. Früher, als man noch im Waldstadion einlief und
sich olympisch fühlen durfte. Jetzt sind Start und Ziel und
Meldebereich jedes Jahr woanders. Ich folge der Menge und habe keine
Ahnung, wo ich bin. Ich lande in einer Halle, wo hunderte
Funktionsjacken um die Wette rascheln. Spontan muss ich ein wenig hüsteln
(Hust, Hust, Hust).
Eigentlich bin ich mit einem Bekannten verabredet. Aber das kann ich
wohl vergessen. Bei über 2000 Läufern - wie sollten wir uns da finden?
Ich habe gleich gesagt: lass uns einen Treffpunkt ausmachen, aber mein
Bekannter ..."Na, das war ja einfach. Dich zu finden" sagt
mein Bekannter neben mir. Aber fast hätte ich recht gehabt und wir hätten
uns nicht gefunden. Wir plaudern ein wenig über die neue Biografie von
Paula Radcliffe, wie man eben so redet, wenn gute Freunde ein Buch
geschrieben haben. Als ich schneuze, bietet mir mein Bekannter ein
Nasenpflaster an. Aber ich möchte nicht, dass sich meine Nasenflügel
weiten. Am Ende lösen sich wichtige Dinge in meinem Kopf und rutschen
ungewollt nach draußen.
Wir schlendern die paar Kilometerchen zum Start und reihen uns bei der
Memmen-Gruppe ein. Obwohl ich praktisch (Hust) so gut wie nicht mehr erkältet
bin. Der Start erfolgt in drei Blöcken und so stehen wir noch ein
bisschen und schauen den Jungs im Wald beim Pinkeln zu. Eine Dame ruft
verzweifelt "Wer stört?" in die Menge. Ihre Pulsuhr zeigt
einen Puls von 222 an. Ihrem Herzen traut sie soviel Techno nicht zu und
nun sucht sie den infarktgefährdeten Störsender unter den Umstehenden.
Als wir über die Startlinie wackeln, läuft eines dieser Heldenlieder
von Vangelis, das bei ARD und ZDF immer läuft, wenn sich Sportler in
Zeitlupe die Tränen aus den Augenwinkeln wischen. Wir passen uns an und
bleiben erst mal zeitlupig. Es ist schön, so weit hinten zu sein.
Niemand drängelt sich hektisch an einem vorbei - nur die Stöcke der
Nordicwalker, die ihre Begeisterung durch wildes Fuchteln ausdrücken,
erweisen sich als Verletzungsrisiko. Aber das ist bald vorbei und wir
strömen plaudernd durch den Wald, als wäre es gar kein Wettkampf und
alle anderen wären nur zufällig zur gleichen Zeit unterwegs. Bei km fünf
schaue ich auf die Uhr, aber eigentlich mehr aus Gewohnheit. Die Zeit
ist vollkommen gleichgültig. Obwohl ich natürlich im Grunde nicht mehr
erkältet bin (rotz).
Hinter km 7 kommt der berühmte kleine Berg, der immer wieder für großes
Hallo sorgt. Mein Bekannter mag Berge so gerne, dass er es schade
findet, wenn man so achtlos drüber fegt. Er möchte den Anstieg mehr
genießen und passt sich der Geschwindigkeit der Hirschkäfer an. Ich möchte
zwar nicht so zumoosen wie mein Auto, aber etwas langsamer ist auch in
Ordnung. Bald hoppeln wir wieder zusammen. Bis kurz vor Schluss nochmal
ein Anstieg kommt, mit dessen Flora man sich eingehender beschäftigen möchte.
So rollt man gelassen nach etwa einer Stunde ins Ziel. Inzwischen ist
der Nieselregen etwas heftiger geworden und man tut gut daran, ins Warme
zu kommen. Wer nicht so ein Bombenimmunsystem hat wie ich, ist da
schnell erkältet. Apropos: eine Stunde lang habe ich nicht gehustet und
wenig geschnieft. Dafür verhuste ich jetzt den Weg zum Tee.
In den Gängen zu den Umkleidekabinen irren nasshaarige Gestalten auf
der Suche nach einer Steckdose umher, den Fön wie eine Waffe auf Neuankömmlinge
gerichtet. Aber niemand hat eine Steckdose dabei, oder auch ein Stückchen
Platz, wo man sich umziehen kann. Ich erledige das im Gang - seit ich
angeboten habe, einer Dame die Haare trocken zu husten, kommt mir auch
niemand mehr zu nahe.
In der Halle findet die obligatorische Siegerehrung statt, der ebenso
obligatorisch niemand zuhört. Mein Bekannter und ich mümmeln Kaffee
und Kuchen mit der gewissen Verzückung, mit der man nur nach Volksläufen
Kaffee und Kuchen zu sich nehmen kann. Nichts stört. Kein Würstchengeruch,
kein Lautsprecherquietschen, keine feuchtmuffigen Schuhe. Die Läufergemeinde
ist eins mit sich und ihrer Umgebung.
Der Heimweg ist die reinste Freude für das Moos an meinem Auto,
Schritttempo soweit das Auge reicht. Höchste Zeit für einen kleinen
Hustenbonbon.
(c) Heidi
Schmitt 01.01.2005