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HM-Debut
Ismaning - Eine Burleske
Ismaninger Winterlaufserie 2004
Eine kurze,
lang gewordene Geschichte mit dem Titel:
Kennst du das Knacken, dass man hört, wenn die Moral bricht?
(oder: Geschichte vom Mann, der auszog Großes zu leisten, und dann aber
eingenordet wurde.)
Schwul! Schwul! Schwul!
Wieso schon wieder vor meinen Augen? Wieso ich? Wieso jetzt? Habe ich die
letzten knapp 2 Stunden nicht genug gelitten? Ist das fair? Wieso muss ich
nun auch noch zusehen wie ihr beiden da Händchen haltend die letzten
Meter lauft. Ich bin ein Tanzbär, manchmal werde ich „schwarzer
Kater“ genannt, ich bin also ein TIER, und euch mach ich jetzt nass!
Warum auch immer, ich spüre keine Schmerzen mehr als ich die
Schrittfrequenz erhöhe, Endspurt ist wie Orgasmus, nur viel länger, und
kurz vor dem Beginn des Zielkanals ziehe ich an den beiden vorbei und
verspüre das, womit ich nicht mehr gerechnet habe: Glück. Das Leid
weicht ein Lächeln in meinem Gesicht...ich bin im Ziel. Ich bin am Ziel.
Da wo das Ziel ist, ist auch meine Ende.
**
Quiek-Quiek-Quiek...ich habe definitiv den ekelhaftesten Wecksound aller
Neuburger. Um 6.50 schäle ich mich aus dem Bett. Kaffe, Toast mit Honig,
ab ins Bad. Ich erwische die Brösel in meinem Kaffee, Breicheiz. Hätte
ich das Glas Wein gestern nicht trinken sollen? Hätte ich doch vor 2 ins
Bett sollen? War es keine gute Idee, am Vorabend noch ne kleine Runde zu
laufen, Steigerungen am Ende? Der Zustand meiner Waden ist genauso erhärtet,
wie der Verdacht, dass all das keine guten Ideen waren.
Um 8.00 holt mich Michi ab. Michi ist (m)ein Laufguru. Ein Tier. Läuft
ohne Uhr und Pulsmesser, ein Blick auf die Strecke und er sagt seine Zeit,
plus/minus 20 Sekunden, voraus. Er wird am Ende Dritter werden.
Eine amüsante Fahrt nach Isaming beginnt. Da wir die Ausfahrt verpassen
darf ich mit meinem Münchenkenntnissen glänzen und dirigiere uns
zielsicher durch Föhring zum TSV. Es ist 9.15, wir stehen in einer
Schlange. Michi meint, steigt aus, zieht euch um. Wir springen schnell
raus, ich zerre meinen Rucksack aus dem Kofferraum und übersehe ein
wichtige Detail. Das Desaster nimmt seinen Lauf. Nur weiß ich es in
diesem Moment noch nicht. Kurz angemeldet, Nummer 1876. 1876 – Herr Bell
erfindet das Telefon, Konrad Adenauer wird geboren, Guiseppe Ferrari
stirbt. Sitting Bull und Crazy Horse vernichten die „Amis“ am Little
Big River. Well done, guys! Nichts besonderes sonst.
**
Ich habe Durst! Ich habe Durst! Ich habe Durst! Ich bin am verrecken!
Ich bin bei km12, warte sehnsüchtigst auf die Verpflegungsstation. Man
sagte mir etwas von dreien, die es gäbe. Bei ca. 6,5 war die erste, Mann,
wie lange dauert das noch, das gibts doch nicht. Soll ich Schnee fressen?
Kalt. Egal. Nein. Spinnst du? Du ruinierst dir den Magen. Aber du brauchst
Flüßigkeit. „RUHE!“ herrscht die Vernunft die versammelten Gedanken
an. „Es gibt ja bald was! Denkt positiv! Singt!“ Ich versuche wieder
ein fröhlich Lied anzustimmen.
Es ist vorbei, es ist vorbei,...
Positiv!
Sind so kleine Biere, sind so schnell dahin...
Ich vermisse meinen Zaubertrank. Zu trinken gibt's erst bei km15 oder 16.
**
Beim Einlaufen finde ich Michi nicht mehr. Ich habe meinen Zaubertrank
verloren als ich die Tasche aus dem Auto geholt habe. Ein nach
Empfehlungen aus dem Forum, Natalies Maltorezept und den Erfahrungen des
Kirchheimrunners auf mich zugenschnittenes Mix aus Kamillentee, Honig,
Malto und Salz. Ich finde Michi nicht. Vertröste mich auf den Start. Aber
auch da. Nix. Kein Michi. Ich spreche die Nr. 1622 an – es ist Günther.
Aber nicht Günthi. War er wohl doch der noch langsamere auf der letzten
Ergebnisliste. Die Nummer habe ich vergessen. Ich werde nervös. Panisch.
Mein Zaubertrank. Die flüssig gewordene Hoffnung, die 1:50 wert ist. Ich
suche Michi. Sabine34 spricht mich an. Hallo, ja, mein Zaubertrank. Ich
rede nicht, ich winsele.(Entschuldigung Sabine, ich war nicht ich
selbst. Bin eigentlich viel netter. Aufmerksamer.). Ich gehe nach
hinten durch treffe den „schnellen“ Günther. Er wollte jemanden auf
2h ziehen, aber der ist nicht da. OK, wir peilen so 1:50-2h an. Es geht
los.
**
Lava. Es muss Lava sein. Dickflüssige Masse, heiß, zäh, die den Körper
von innen verbrennt und beamtengenau in jedes noch so kleine Eck kriecht.
Meine Waden brennen. Die Anzahl der Läufer, die ins Gehen verfallen nimmt
zu. ES spricht zu mir: mach das auch, ganz kurz, ganz kurz nur, es wird
dir gut tun. Da hallt aus dem Nichts die mahnende Stimme des
Kirchheimrunners: Gehen ist keine Erleicherung, im Gegenteil! Oh Mann....
Rape me, rape me, my friend...do it an do it again....
Aggressiver Kopfsound gegen schlechte Gedanken. Ich vergewaltige dich
mental, Schweini. Leiden sollst du. Nicht ich. Km18 kommt auf mich zu. Wo
bleibt das Powergel? Ich gebe 1,50 für eine ekelhaft süße, klebende
Schleimmasse aus und nun kommt da nichts. Verdammt. Aber nur noch 3km. Die
letzten km waren trotz allem 5:45er Schnitt. Gefühlte 6:50. Schmerzen wie
bei 2:30.
**
Die ersten km's gehen locker dahin. Wir machen zusammen einen guten 5:30er
Schnitt. Nach km 6 der erste Tee. Zitronentee. Statt Zaubertrank. Die
Strecke geht hier noch halbwegs. Mitunter glatte Stellen unter der harten
Schneedecke, nach ca. 2km geht's auf einen Feldweg, der mal mehr, mal
weniger abfällt und entsprechend mal mehr, mal weniger rutschig ist. Km
7. Die erste "geistige" Runde. Statt 36:24 sind wir bei 38:10.
Bei den Bodenverhältnissen, die hier noch einigermaßen gut waren, finde
ich das ok. Ich habe mich drauf eingestellt das es tendenziell auf 1:55
hinaus läuft. So zwei, drei Mal haben die Absätze meiner Mizunos schon
mal gegen den Knöchel geschlagen, unvermeidlich bei dem Untergrund,
trotzdem schmerzend. Nach km9 verspüre ich eine innere Unruhe, keine
Ahnung was das ist. Ich bin ein Tanzbär.
Turn da lights down low...
Reggae bringt mich wieder runter.
**
Walle! Walle! Manche Strecke,
daß zum Zwecke
Kohlehydrate fließen,
Und mit reichem, vollem Schwalle
Zu dem Muskel sich ergießen!
Verdammt! Wo bleibt die Wirkung des Powergels? Ich will meinen
Zaubtertrank! Das Schild für km19 habe ich nun schon drei mal gesehen,
nur die Strecke grinst mich dreckig an sagt: is nich!. Amtlich vermessen
bedeutet, dass meine Halluzination nicht gilt. Vielleicht haben Sie es
vergessen? Bestimmt haben sie das Schild für km19 vergessen. Oh mann, sie
haben das Schild vergessen...
**
54:34 – km10 strahlt mich an. Noch reicht die Blutversorgung aus um
daraus eine 1:56er Endzeit hochzurechnen. Ich habe doch noch Power, also
ist 1:55 zu packen. Ich sagte ich habe noch Power! Wo bleibt die innere
Stimme die laut ruft: Sir, YES, sir! Sir, Power, Sir! Ich rufe nochmal in
mich hinein. Keine Antwort. Muss da jemand aufgeweckt werden?
Space may be the final frontier, but it's made in a Hollywood
basement,Cobain can you hear the spheres, singing songs off station to
station, and Alderon's not far away
It's Californication
Es tut sich nichts. Unruhe kehrt ein.
Beim km12, 13 rum verliere ich Günther, ich gehe mein Tempo, er hat sich
zurück fallen lassen. Ich überlege. Langsamer? Meine Beine melden:
dieses Tempo und kein anderes! Ist das klar! Günther läuft seit 2,5
Jahren, der schafft das locker ohne dich! Das war die Wende. Ich gehorche
meinen Beinen, nicht mehr sie mir. Anschwellender Sirenklang im
Unterbewusstsein.
Das Hirn schreit zu diesem Zeitpunkt nur noch hysterisch nach etwas Flüssigem.
Ich verfluche mich, weil ich meinen Zaubertrank vergessen habe, ich
verfluche die Lauferei, ich verfluche den rutschigen Untergrund, ich
verfluche die ausgefallen Trainingstage, ich verfluche alle meine
Exen(weil ich grad am verfluchen bin). Ich glaube Schweini versucht nun
langsam die Kontrolle zu übernehmen.
Völlig ausgebrannt, liege ich nun da, mein Herz liegt in Scherben, ich
will sterben(...)Jetzt ist gut! Ist gut jetzt! Ich hab dich fast
vergessen! Ist gut, es ist vorbei! Ich glaub du bist es mir nicht wert, du
hast mich mal zerstört, doch jetzt ist gut.
km14 passiere ich bei 1:17:xx; ein Anhaltpunkt für den ersten WK des
Ingolstädter Laufcups. Werde dort 1:10 anpeilen in 3 Wochen. Und: ich
kann die 1:55 noch schaffen, sie sind in Schrittweite, denke ich. Ich bin
ein Narr. Ich weiß es nur zu diesem Zeitpunkt nicht.
km 15,5 (oder so).Endlich komme ich am „Getränkemarkt“ vorbei, gierig
schlucke ich den Tee, verfalle kurz ins Gehen, sauge den Rest Powergel aus
dem Tütchen, habe es vorher einfach mal ohne Wasser genommen. Hoffnung.
Wenn das Zeug wirkt, dann ziehe ich nochmal an, noch ein wenig was
schinden. Es wird nicht wirken. Ich werde mich schinden. Aber ich werde
nicht mehr schneller. Nur leerer.
**
km20. Darauf habe ich gewartet. Seit km15 zähle ich runter, ich verfluche
die Strecke mehr und mehr, es ist rutschig, manch einer stürzt dem Ziel
entgegen. Im Ziel wird einer von einer Unverschämtheit sprechen. Aufrecht
laufen, Hände an den Hosenbund. Wieso haut eigentlich immer der rechte
Absatz an den linken Knöchel? Durchhalteparolen bestimmen das
Gedankenwirrewarr. Ich bekomme keine Songtexte mehr zusammen.
Ich bin Schnappi, der große graue Berg, und dich habe ich totgerannt.
Höhnisches Gelächter schallt wabern durch die letzten aktiven Instanzen
meines Gehirns. Stelle mir vor, meine beiden Kids warten auf mich im Ziel.
Dazu (m)eine Traumfrau. Mit stolzem Lächeln. Singen geht nicht mehr,
Bilder malen schon. Schweini kleckst Deckschwarz auf meine Bilder.
Michi kommt mir entgegen, macht mir Mut. Eine erste kleine Steigung. Die
Waden brennen. Nicht höllisch. Schlimmer. Ich kenne kein deutsche Wort,
dass das beschreiben könnte. Wahrscheinlich gibt es keines. „Nur noch
1200, 1300 Meter, du hast es gleich“...“Michi, sag doch 1,2 Kilometer,
das klingt nach viel weniger als 1200...“ winsele ich ihn an. Vor mir
sehe ich wie es nach einer kleinen Unterführung links um die Kurve geht.
Unterführung heisst, erst runter, dann rauf. Das "rauf"
verwandelt sich in den Bannstrahl für meine Wade. Statt langsam
hochzutraben verfalle ich in meinen „Bergaufstechschritt“. Das ist zu
viel. Die rechte Wade ist schlagartig in einen lange angekündigten, und
dennoch unverschämten Spontanstreik getreten. Das ist der Knacks in der
Moral. ES hat die Gewalt über meine Wade übernommen. Ein Trojaner in der
Butbahn. Ich gehe. Schei..e ich gehe. Schmach. Schande. Pein. Ich gehe.
Ich will heulen. So knapp vorm Ziel. Wieso habe ich nicht einfach die
Steigung gemütlich genommen? Sterben wäre jetzt eine Erlösung. Zu Staub
zerfallen. Hide in shadows. Nur weg hier.
„Die Zehenspitzen nach oben ziehen, und dann ganz langsam wieder
anfangen zu laufen“ muntert Michi mich auf...ich ziehe die Zehenspitzen
nach oben...verfalle leicht wieder ins traben. Wie weit bin ich gegangen?
100 Meter? Ich habe versagt. Ich sehe das Schild: km21 – sie haben das
Ziel abgebaut. Dieses Deppen! Michi erklärt es geht noch ein Stück
geradeaus, dann ins Stadion und da nochmal ca. 200m. Aaaargh! Schweine!
Das sind ja 21,4km oder so! Ach, wahrscheinlich sogar 22!
Ich biege ins Stadion ein. Ich weiß das Lied nicht mehr das lief, dachte
mir nur: Ihr Zyniker!. Und was sehe ich dann, 100m vor mir: Vor mir die
zwei, denen ich ne zeitlang hinterher gelaufen bin, sie reichen sich
ganz zärtlich die Händchen.
Schwul! Schwul! Schwul!
* * * *
Meine Zeit weiß ich noch nicht. Bei km18 habe ich die Stoppuhr so verdrückt
dass sie stehen blieb. Ich hoffe dass zumindest die magische 1 ganz vorne
steht. Es würde aber zum Bild passen wenn es eine 2:00:01 wird...
Fazit: Die Strecke an sich war schön, der Untergrund aber v.a. Nach km15
besch... zu laufen. Ich habe in den letzten Wochen zu wenig getan, mich zu
sehr in Sicherheit gewogen. Ich werde mich wieder mehr meinem Zuhälter,
den man gemeinhin als meinen Trainingsplanautoren kennt, unterwerfen.
Pulsanzeige ist unnötig im Wettkampf. Ich habe bitter nötige Erfahrungen
gesammelt.
Beim HM in Ingolstadt will ich die 1:45 schaffen. Nein, ich werde dort
1:45 schaffen. Mit Zaubertrank und griffiger Strecke wären heute 1:50 -
1:53 gegangen. (Ich muss das so schreiben. Wegen der Motivation.) Schweini
hat mich kurz zum Gehen gebracht. Das habe ich nun akzeptiert. Aber ich
verlange Satisfaktion!
Ingolstadt, ich komme. Das Feuer brennt. (Meine Waden auch noch).
Vielen Dank für die Aufmerksamkeit!
(c) Marcus
Alleze 20.02.2005
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