|
Auch
Ungehobelte haben Gefühle...
Hamburg-Marathon 2005
Um 6:30 Uhr bin ich aufgestanden, bin im Hotel ans Frühstücksbuffett und
hab mir 3 Semmeln gegönnt. Alles rein in den Hals, was satt macht.
Bierschinken, Honigsemmel, Müsli, O-Saft, Multivitaminsaft und eine
Kannee Kaffee. Ich mach mir da keine Gedanken darüber, ob das mein Magen
verträgt, oder ob Kaffee entwässernd wirkt und mit der Einstellung fahr
ich immer gut.
Ich war recht aufgeregt, das muss ich zugeben. Gegen 7:50 hab ich den
Kilometer bis zum Startgelände zurück gelegt. Überall wuselte es, überall
Läufer, Handbiker, Rollis und Inlinerfahrer, die die breite Karolinenstraße
hoch und runter fuhren, ungestört von Autos.
Ich zog mich in der Halle um, in der auch die Kleiderbeutel abgeben
wurden, sendete eine SMS an Peter, in der Hoffnung, dass er sein Handy
anhat, aber war wohl nix. So verbrachte ich die Zeit alleine mit
Beobachten der ganzen Atmosphäre. Neben mir musste ein Mädel ihrem
Freund aus der Jogginghose helfen. Ich dachte mir, muss die das Zuhause
auch immer machen? Überall schmierten sich die Leute mit Vaseline und Ähnlichem
ein, glaubten an bestimmte Mittelchen, die die Muskeln besser durchbluten,
hauten sich den Franzbranntwein um die Ohren und um die Beine. Es ist der
typische Geruch vor einem Laufereignis. Es ist egal welcher Lauf, es
riecht immer gleich.
Ich ging eine halbe Stunde vor dem Beginn auf das Startgelände, nutzte
noch ein Dixiklo und taperte vor mich hin. Komisch, an der Halle waren 20
Dixis, überall standen 15 Leute davor. Am Startgelände waren nur ein
paar Dixis, aber kein Stau. Ich hab in Hamburg allgemein das Phänomen
kennen gelernt, dass der Mensch ein Herdentier ist. Wenn irgendwo Stau
ist, müssen sich die Läufer hinten anstellen. Fand ich lustig und hab
mir das auch erfolgreich im Laufe des Wochenendes zunutze gemacht.
Es war recht kalt, aber wunderschön sonnig. Ich fror mit meinen Kollegen
um die Wette, manche hatten Müllbeutel um, andere alte Klamotten, die
kurz vor dem Start über die Köpfe der Läufer geworfen wurden.
Es waren nur noch ein paar Minuten bis zum Start, die Stimmung unter uns
allen war toll, es wurde die Welle ein paar mal versucht. Um 9:00 wurden
die Walker aus unserem Block B losgelassen, zur gleichen Zeit wie im Block
A die ersten Läufer. Langsam stieg die Spannung ins unermessliche und
endlich die Befreiung durch den Startschuß. Mein Marathon in Hamburg hat
begonnen, ich bekam spontan die erste Gänsehaut. Ich lief über die
Startlinie und drückte auf meine Uhr.
Es ging gerade aus, genau der Kilometer, den ich vom Hotel hergekommen bin
und die ganze Zeit hatte ich Gänsehaut. Schon hier jubelten die
Zuschauer. Nach dem 1. Kilometer schon der erste Höhepunkt, wir bogen auf
die Reeperbahn ein. Diese weltberühmte Straße hinunter zu laufen, es ist
ein Wahnsinnsgefühl. Mir fällt das Lied von Udo Lindenberg ein und sang
es ständig in mich hinein, auch auf den restlichen 41 Km.
Reeperbahn
Ich komm an
Die geile Meile
Auf die ich kann
Wie sollte ich heute ins schwitzen kommen, wenn eine Gänsehaut die nächste
jagt? Ich wusste nicht wohin ich gucken sollte, rechts konnte man in jedem
zweiten Wort ‚Sex’ lesen, links waren die Oper, das Musical und die
entsprechenden Werbungen für die weltberühmten Musicals.
Schließlich war die Reeperbahn zu Ende, es ging über die Königstraße
zur ersten Wasserstelle bei Km 5 an der Bernadottestraße. Hier war wieder
das Herdentierphänomen zu beobachten. Wasser gab es an vielen Tischen,
aber nö, alles rannte zielstrebig auf den 1. Tisch zu, die Tische
dahinter waren dagegen so gut wie leer. Schön für mich, ich griff erst
beim 3. und 4. Tisch zu, was ich auch bei den folgenden
Verpflegungsstellen ebenso machte.
Nach 6 Km machte die Straße einen 180° Knick, es ging nun die
Elbchaussee hinab. Wer sich auskennt weiß, das ist das Villenviertel von
Hamburg. Lauter tolle Villen standen links und rechts der Chaussee. Wenn
ich wieder komm, wird ich mal meinen Geldbeutel ausleeren und eine Villa
kaufen. Aber welche denn? Sind alles schmucke Teile. Wieder hatte ich
einiges zu tun mit gucken und hielt auch Ausschau nach dem einen oder
andern Promi, der hier mit Sicherheit ansässig ist, aber schade, kein
bekanntes Gesicht, das uns mit Schampus zugeprostet hätte.
Nach dem Ende der Elbchaussee, in Gedanken nannte ich die Gegend einfach
mal Spießerviertel, ging es nach ca. 10 Km und Verpflegung an Tisch 3 und
4 Richtung Fischmarkt. Hier lief man etwas bergab und man konnte
jetzt auch den berühmten Hafen sehen. Die Zuschauer wurden mehr, es wurde
lauter.
Nach 12 Km machte die Straße einen Knick und was dort an den Landungsbrücken
abging, das kann einfach unmöglich beschrieben werden. Ich lief diese
Straße entlang, die man so oft auf Kalendern, Postkarten oder im
Fernsehen sieht. Ich war auf den Landungsbrücken, aber nicht allein,
nicht nur mit den tausenden Mitläufern. Links und rechts standen
Menschenmassen in 5 Reihen dicht an dicht. Sie standen auf der S-Bahn Brücke
dicht an dicht und alle machten Krach mit Trillerpfeifen, Ratschen, Kochtöpfen
und allem Möglichen. Wieder lief ich mit Gänsehaut durch dieses Spalier.
Ich sah links Menschen, rechts Menschen und war Fassungslos. Wie gesagt,
ich kann es nicht beschreiben, was in mir vorging. Etwas weiter vorne sah
ich eine Kamera des NDR- der die Dixitoilettentür filmte. Ich kapierte
gar nix, aber dann ging die Tür auf, ein Läufer trat heraus und sah vor
seiner Nase die Kamera. Als ich Zuhause die Übertragung angesehen habe,
kam dieses Szene. Dort wurde der Läufer gefragt, ob es nötig ist, schon
nach 12 Km auf die Toilette zu gehen, worauf er trocken geantwortet hat,
dass er schon zum zweiten mal musste und den Reporter stehen ließ.
Nach den Landungsbrücken wurde es etwas ruhiger, die Reihen lichteten
sich und ich konnte das gerade erlebte einigermaßen verarbeiten. Nun
kamen recht ruhige Kilometer, es ging um die Aussenalster herum, wir
liefen durch einen Tunnel. Dort wurde immer wieder die Welle gemacht, es
wurde gerufen und man freute sich an dem Hall. Die Stimmung war nach 18 Km
noch sehr gut unter den Läufern.
Ich machte mir nach der 20 Km- Verpflegungsstelle, bei der natürlich
wieder nur der erste Tisch belagert wurde, über das Publikum Gedanken. Überall
las man die Schilder, kleine und große Kinder, die mächtig stolz
aussahen und auf ihren Papi warteten, der es bestimmt schaffen wird. Ich
hoffe das Mädchen mit den Kulleraugen konnte ihren Papi vorbei laufen
sehen. Frauen, die auf ihren Mann oder Freund warteten und auf
Transparenten nachdrücklich darauf hinwiesen, dass sie geliebt werden und
an ihren Schatz geglaubt wird. Wieder hatte ich Gänsehaut, während ich
so die kleinen und großen Zuschauer angesehen habe und versucht habe ihre
Gedanken zu erraten.
Mittlerweile bin ich bei Km 26 und nun begann der wahre Marathon. Bisher
war bei den Läufern große Freude und Heiterkeit. Die Stimmung wurde aber
ringsum immer ruhiger. Schon einige mussten Gehpausen einlegen, streckten
ihre Muskeln, versuchten die harten Waden zu dehnen. Gut, dass hin und
wieder für die Läufer Massagestationen standen, die auch gern genutzt
wurden. Es war jetzt auch an der Zeit für mich in meinen Körper hinein
zu hören. Ich analysierte meinen Zustand und kam zu dem Ergebnis, dass
ich noch Spitze in Form war. Ich musste lächeln, fühlte aber mit den
Schmerzgeplagten mit.
Bei Km 27 versuchte ich einen lustigen Satz und rief meinem Nebenmann zu,
dass da ja schon wieder ein Kilometerschild kommt, das letzte war doch
gerade erst da hinten?! Ich erntete nur einen giftigen Blick. Ich war in
Euphorie und kam einem Geher näher, der auf dem Rücken den Aufdruck
‚Die Sau läuft doch’ hatte. Ich musste ihm zurufen ‚Quäl dich du
Sau’ grinste ihn an, aber auch hier nur ein böser Blick. In der Fernsehübertragung
hab ich ihn wieder gesehen, wie er auf einer der Massagebänke bei Km 30
auf der Liege behandelt wurde.
Die Zuschauer wurden ab Km 32 wieder um einiges mehr. Ich sah ein breites
Transparent, worauf zu lesen war 'Wir haben schon geduscht'. Wer sich noch
erinnern kann, ich hatte am Bodensee im Oktober ab Km 32 ganz üble Krämpfe
und musste die restlichen Km gehen. Ich hoffte, dass ich diesmal verschont
würde.
Nun bin ich bei Km 35, ich sehe ein Schild mit der Aufschrift 'Umdrehen wäre
jetzt doch auch blöd' jetzt musste ich Slalom laufen, so viele Läufer
mussten nun gehen oder liefen ganz langsam weiter. Ich wurde ziemlich
behindert und was machten meine Beine? Sie taten etwas weh, aber mir ging
es immer noch toll. Ich klatschte munter Kinderhände ab, auch die Kinder,
die die Hände gerade mal in 50 cm hatten, das fanden die Kinder toll, ich
freute mich, weil sie sich freuten. Gerade jetzt, wenn der Marathon dem
Ende zugeht, sind die Läufer mit sich selbst beschäftigt und haben
keinen Blick mehr für die Zuschauer, die nun von Km zu Km immer mehr
wurden.
Ich hörte jetzt bei 36 Km eine Frau sagen, dass man sich nun noch 5
Minuten erholen könne, bevor es den Berg hoch geht. Berg? Ich dachte ich
bin in Hamburg?!?! Naja, dann bereite ich mich mal psychisch auf diesen
Berg vor, aber erstmal kann ich ja weiter kleine Hände abklatschen,
Schilder lesen und Anfeuerungen genießen.
Immer mehr Läufer musste ich überholen und bei Km 37,5 kam der ganze Zug
ziemlich ins Stocken. Die Zuschauer machten die Straße extrem eng und was
noch hinzu kam war, dass dem Asics Bogen, der die letzten 5 Km anzeigte,
kurz zuvor schlapp machte und die ganze Luft aus dem Straßenüberspannenden
Teil entfleuchte. Viele freiwillige Zuschauer hielten solange den Bogen
hoch, damit die Läufer unten durch laufen konnten.
Aber auch dieses Hindernis konnte mich nicht weiter aufhalten, es ging
unbarmherzig dem Ziel entgegen. Ja, stimmt schon, ich lief am 39 Km –
Schild vorbei und dachte wehmütig, dass in 20 Minuten alles vorbei ist.
Sogar jetzt noch, nach dieser langen Distanz war ich nur am Lächeln und
lief wieder seit einigen Kilometern mit Gänsehaut durch Hamburg. Dann
nach 40 Km dachte ich wieder an den Berg, an der Rothenbaumchaussee soll
doch die Steigung sein?! Die Steigung war längst vorbei und ich hab es
gar nicht bemerkt. Und ehrlich, es waren ja kaum Höhenmeter.
Ich lief an Km 41 vorbei und wurde immer wehmütiger, ich wollte, dass
dieser Marathon ewig weiter geht, aber mit jedem Schritt kam ich dem Ziel
näher. Ich sah die Zuschauer an, die Zuschauer sahen mich an, ich lief
auf das Lokal ‚September’ zu, an dem sich die Foris getroffen haben.
Hier macht die Straße den letzten Knick und man sah in ein paar hundert
Metern das Ziel. Wieder dieses irre Spalier von Zuschauern, in der Ferne
wie eine Welle die Läufer, die einer nach dem anderen die Arme in die
Luft reißen, genau wie ich das schon 100 Meter vor dem Ziel mache und mit
erhobenen Armen, lächelnd und natürlich mit Gänsehaut nach 3:56:49 über
die Ziellinie lief.
Ich bekam von einem hübschen Mädchen die Finishermedaille umgehängt,
sie sah mir in die Augen und gratulierte mir und sie sagte es nicht nur
mechanisch zu jedem Läufer. Ich glaube, sie hat gewusst, dass sie den
besten Job aller Helfer hat. Sie darf den glücklichen, strahlenden Läufern
im Hochgefühl des persönlichen Triumphes als erste gratulieren.
Ich ging den Zielbereich weiter und dann passierte etwas, das ich von mir
selbst niemals erwartet hätte. Ich sah mir die Medaille an und plötzlich
schossen mir die Tränen in die Augen. Sofort hab ich die Medaille
losgelassen und hab versucht mich wieder zu fassen, was mir auch gelungen
ist. Ungehobelte Allgäuer heulen doch nicht.
Kurz darauf stellte ich mich bei einer Getränkeverpflegung an und da ich
noch etwas warten musste, sah ich mir noch mal die Medaille an. Wieder
geschah das unfassbare, mir schossen wieder die Tränen in die Augen. Ich
ließ die Medaille wieder baumeln, blickte auf den Boden und nahm mir ein
Gatorade. Eine Weile schritt ich vor mich hin und ging schließlich zum
Stand mit Erdinger Alkoholfrei. Ich nahm mir zwei Becher davon, allerdings
am 3. Tisch, der frei war, weil sich alle Läufer auf die ersten beiden
Ausgabetische tummelten.
Ich suchte mir einen Platz in der Sonne und setzte mich. Ich nahm einen
tiefen Schluck und blickte fatalerweise wieder meine Medaille an. Ich
kenne mich so nicht, aber wieder tränten mir die Augen. Ein paar Minuten
war ich still mit dem Kopf zwischen den Beinen in mich gekehrt und
schaffte es nicht, das Erlebte emotional zu verarbeiten.
Später bin ich wieder aufgestanden, wanderte über das Gelände und ging
schließlich zum Massieren. Zwei niedliche Mädels haben mir gleichzeitig
meine erschöpften Beine massiert. Sie gaben sich ganz große Mühe mit
jedem einzelnen Läufer und fragten auch nach den Beschwerden, damit sie
richtig massieren konnten. Während dem Massieren rief Moori an, den ich
anschließend zurück rief. Die Zeiten waren schon im Internet verfügbar
und Volkmar war sehr stolz auf Peter und mich. Ja, auch ich war selbst
stolz auf mich. Das nahm ich mir einfach heraus.
Nun ging ich wieder in die Messehalle und holte mir jetzt erst das
Finishershirt ab, das man komischerweise schon am Vortag abholen konnte.
Ich holte mir die Urkunde ab und ließ mir für 5 € die Medaille
gravieren. Anschließend verließ ich das Marathongelände.
Im Hotel angekommen stellte ich mich genussvoll unter die Dusche, aus der
ruhig etwas mehr Wasser hätte kommen können und sah mir um 16 Uhr die
Zusammenfassung des Marathons an. Ein gewisser Julio Ray hatte solchen
Respekt vor mir, dass er mir fast 2 Stunden davon gerannt ist und in
2:07:39 gewonnen hat. Na, fast hätte ich ihn zum Streckenrekord gejagt.
Was gibts zum Schluß zu sagen? Hamburg ist einfach eine tolle Stadt, der
Marathon war perfekt organisiert. Nirgends gab es Wartezeiten. Die
Startnummernausgabe war in 20 Sekunden erledigt, die Urkunde bekam man
auch innerhalb einer Minute. Auch das Gravieren der Medaille dauerte nur 2
Minuten.
Wenn man es richtig machte, musste man auch kaum am Dixiklo anstehen und
wer an der Verpflegungsstation unbedingt den ersten Tisch benutzen will,
der muss eben warten.
Es war ein Traum in Hamburg dabei gewesen zu sein und es war mit
Sicherheit nicht der letzte Marathon in der schönen Hansestadt mit ihren
unglaublichen Zuschauern.
Danke Hamburg
(c)
Karl-Heinz Essenwanger
|