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Out
of Egelsbach
Koberstädter Waldmarathon
2004
"Ich lauf dieses Jahr New York." Das klingt cool. Man sagt ja
auch nicht IN New York, sondern nur: "Ich lauf New York." Oder
auch "Was läufst`n Du dieses Jahr?" "Ich lauf Berlin.
Vielleicht lauf ich auch Köln."
Aber was sollte ich sagen? "Ich laufe Egelsbach." Das klingt ähnlich
cool wie "Ich fahre dieses Jahr mit meinem Stammtisch zum Wandern in
den Harz." Aber in einer vermeintlich coolen Welt hat gerade das
Uncoole einen großen Reiz.
Also wollte ich "Egelsbach laufen" und habe mich unglaublich
darauf gefreut. Kollegen haben gesagt "Wo gibt`s denn in Egelsbach 42
Kilometer?" Man dachte wohl, ich wollte die Hauptstraße auf und ab
hoppeln. Es sind bedauernswerte Menschen, die den Wald bei Egelsbach nicht
kennen. Soviel kann ich jetzt sagen.
Schon der Stadionsprecher am morgen gab alles. "Die
Luftfeuschtischkeit ist relativ hoch, aber nischt bedrohlisch." Das
sind Nachrichten, die man Sonntags morgens um 7 Uhr 30 schätzt. Schon
rein mental gesehen. "Wir haben auch wieder wundeschöne Klohäusschen
aufgestellt, machen sie bitte reischlisch davon Gebrauch." Noch nie
bin ich so schön und eindringlich dazu aufgefordert worden, mich zu
entleeren.Ich tat es. "Liebe Läuwerinnen und Läuwe, es gibt Pepsi
an der Stregge und lecke Wasse, Bananen, Isogedränge und auch Pepsi -
eben alles möglische, damit sie gut dorsch kommen." Ich mag gar kein
Pepsi, aber der Mann gab mir das Gefühl, kastenweise Pepsi sei nur für
mich herangeschafft worden.
Nein, ich habe keine Samba-Einpeitschmusik vermisst.
Dann gings los. Tatsächlich: viel "Luftfeuschtischkeit." Aber
das fand ich prima. Noch etwas Salz und man hätte ein Soledampfbad machen
können. Egelsbach hat manchmal so etwas Tropisches.
Es war wunderbar friedlich. Das kleine Feld von ca. 200 Herrschaften hat
sich schnell verteilt. Extremer Männerüberschuss, gravierende
Zauselquote. (Zausel = Herr jenseits der 50, unrasiert, das verbliebene
Haar im Kopfkissenlook, klein, sehnig, zäh, trägt T-Shirt mit dem
Aufdruck "Dumpelheimer Wiesenultramarathon 1982" o.ä. und
Schuhe aus dem Nachlass von Spiridon Louis. Zausel riechen oft säuerlich,
sind aber rücksichtsvoll, freundlich und gutgelaunt). Ich fühlte mich
gut aufgehoben.
6er Schnitt war der Plan, den hielt ich ein - mal ein bissel drüber, mal
etwas drunter, je nach Steigung. Bei Kilometer 13 musste ich mal. Trotz
der Benutzung der "wundeschönen Toilettenwagen". Ich musste
noch nie bei einem Marathon. In Egelsbach ist eben alles anders. Und das
ist das Schöne am Wald: dem Blasengefüllten erscheint praktisch die
ganze Strecke als eine einzige Pieselmöglichkeit. Soll ich hinter diesen
Holzstapel? Oder hinter dieses zauberhafte Gesträuch mit den knackig grünen
Blättchen? Wer schon einmal mit sich gekämpft hat, ob er sich zwischen
zwei parkende Autos hocken will, sollte mal im Wald Marathon laufen. Überall
ein Klo. Raumduft Sorte Waldesglück.
Und wer sich erleichtert hat, läuft gleich viel beschwingter. Doch war
ich eben noch eins mit der Natur, so stand jetzt etwas zwischen uns. Läufer.
Unglaublich viele Läufer. Das Halbmarathonfeld war gestartet und
vereinzelte, bereits völlig eins mit der Natur gewordene Marathonis
liefen in eine Horde aufgehübschter, ausgeschlafener Läufer, die größtenteils
technisch besser ausgerüstet waren als die Nasa.
Das Bild veränderte sich: statt sehniger Zausel beherrschten breitere
Hinterteile die Szenerie. Ich war am Ende des Halbmarathonfeldes. Die
Schuhe wurden bunter, die T-Shirts geschmackvoller. Leider war von Waldgeräuschen
nichts mehr zu hören. Die Frauenquote war hoch, der Gesprächsstoff
reichlich (das ist nicht politisch korrekt, aber wahr).
Pulsmesser mit Schrittzähler soweit das Ohr reichte. Hüfttaschen mit
vier (ich hab sie gezählt) Reißverschlüssen, die alle klapperten. Haustürschlüssel
in Hosentaschen. Sogar Geld (kann man bei Eichhörnchen Nüsse kaufen?).
Diese hochmotivierten Halbmarathonläufer waren gerade drei Kilometer
gelaufen, aber viele sahen jetzt schon elender aus als Paula Radcliffe
nach ihrem Kreislaufkollaps. Irritiert lief ich Slalom. Solange bis das
Feld wieder etwa mein Tempo hatte. Aber es war nicht mehr dasselbe. Da:
schon wieder eine laufende Intensivstation: Piep, Piep, Piep, Piep. Nichts
wie weg. Gedacht, aber nicht so einfach getan. Jetzt kamen noch mal die
Steigungen. Oder was man nach drei Stunden laufen so dafür hält. km 31:
Puh. km 33: Öff. km 37: Jetzt is aber mal gut. Ich konnte nichts mehr
drauflegen, musste bei meinem 6er Schnitt bleiben.
Ein Rotkreuz-Wagen sorgt für rot-weiße Abwechslung im grünen Forst.
Viele Rot-Kreuz Mitarbeiter sind richtig dick, denke ich. Ist ja auch kein
Wunder. Während ich durch den Wald zischen darf, müssen die in viel zu
kleinen Campingstühlchen sitzen und darauf warten, dass irgendwo ein
Pulsmesser überhitzt.
Nachdem ich die letzte Steigung überstanden habe, bin ich wieder guter
Dinge. Die Sonne scheint, wir biegen wieder in den Ort ein. Eine ältere
Dame steht im Morgenrock am Tor. Sie ist begeistert. In regelmäßigen
Abständen ruft sie: "Suppää!". Ich liebe Egelsbach.
Dann darf ich in ein kleines blitzsauber gepflegtes Stadion einlaufen.
Tatsächlich: sie spielen Sambamusik. Der Stadionsprecher sagt:
"Liebe Zuschauerinne und Zuschaue, ist des net hällisch?" Recht
hat er. Im Ziel fängt es an zu regnen. So sieht zum Glück niemand, dass
sich bei mir ein paar Tränen ankündigen. Sofort trinke ich eine Pepsi.
Das bin ich Egelsbach schuldig.
Ich war 4:14:38 unterwegs. Mehr war bei der Strecke und Vorbereitung nicht
drin. Ich bin zufrieden. Ich habe nichts vermisst, den Zeitdruck schon gar
nicht. Läufer aller Länder, kommt nach Egelsbach.
(c) Frau
Schmitt 29.02..2004
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