Von
komischen Namen, schnellen Glöckchen und
fehlenden Chromosomen
15 km-Volkslauf in
Bonames 2005
Bonames
muss man mögen. Es sei denn, man ist ein überregionaler Radiomoderator
und hat eine Staumeldung, in der Bonames
vorkommt. Dann tappt man leicht in die Falle, betont die zweite Silbe
und erntet damit den Spott der gesamten Region. Denn Bonames
betont man völlig widernatürlich auf der dritten Silbe. Es ist, als würde
man sagen: ich schnüre jetzt meine Laufschuhé, dann brauche ich noch
meine Startnummér und meine Laufhosé. Ich kann mir nicht vorstellen,
dass unter den 158 Startern des 15 km Laufs auch nur ein einziger auswärtiger
Radiomoderator gewesen ist.
Dafür sind aber viele gutgelaunte Vereinsläufer und andere nette
Menschen unterwegs. Am ambitioniertesten von allen ist die Sonne. Nach
einer intensiven Tapering-Phase hat sie sich heute viel vorgenommen. Sie
war schon am frühen Morgen gestartet und ist dementsprechend schon warm
gelaufen, als wir uns an einer Wiese versammeln.
Die Strecke verläuft über weite Teile entlang der Nidda, ein
liebenswertes Flüsschen - das Herz des Frankfurter Grüngürtels. Im
Grunde laufen wir durch ein paradiesisches Naherholungsgebiet. Mit
weiten Feldern und Wiesen, kleinen Höfen, beschaulichen Dorfabschnitten
und müffelnden Galloway-Rindern. Von Erholung ist bei mir allerdings
heute nichts zu bemerken. Denn schließlich habe ich bei den letzten Läufen
gelernt, dass man sich bergab am besten erholen kann. Doch hier geht es
nicht einmal bergauf, geschweige denn abwärts. Wie soll man sich da
erholen? Außerdem halte ich es wie die Sonne: ich will heute alles
geben. Ein fünfer-Schnitt ist mein Ziel, das wäre persönliche
Bestzeit auf dieser Strecke. Man kann es ja mal versuchen. Nun gut, es
ist schon beim Start 28 Grad warm, aber ich rechne in Kilometern, nicht
in Grad. Man muss auch ignorieren können.
Schon nach fünf Kilometern wird mir klar: das wird heute nichts. Anders
als die Verlierer von Landtagswahlen ("Es ist jetzt nicht der
Moment, um darüber zu diskutieren, woran es gelegen hat.") beginne
ich noch auf der Strecke mit der Ursachenforschung. Noch vor drei Tagen
habe ich einen anstrengenden Lauf hinter mich gebracht. Ich Dussel. Hätte
ich mal langsamer gemacht. Oder wäre ich doch nur bergauf gelaufen,
dann hätte ich mich bergab erholen können. Und dann wäre ja noch die
Sonne als Ursache für mein immer lauter werdendes Hecheln. Aber wie
kann jemand mein Gegner sein, der in Lichtgeschwindigkeit unterwegs ist?
Um mich nicht zu sehr zu quälen ("Ich werde das brutalstmöglich
aufklären.") denke ich ein bisschen an Jörg und Markus. Für die
beiden ist die flache, asphaltierte Strecke optimal. Markus ist blind
wie ein Maulwurf mit Sonnenbrille. Er braucht jemanden, der ihm
unterwegs alle Stolperstellen und Kurven in den schönsten Farben
schildert. Das übernimmt Jörg. Jörg kann besser reden, als ich
laufen, denn trotz des Handicaps sind die beiden etwa so schnell wie
ich. Allerdings starten sie immer am Ende des Feldes. Ich frage mich
gerade, wie es ihnen wohl ergeht, als ich hinter mir das Glöckchen höre,
das an Jörgs Führungsband hängt. Anders als die Schlüsselringe der
zahlreichen Gefängniswärter, die man immer wieder auf der Strecke
trifft, stört das Bimmeln überhaupt nicht. Normalerweise nicht. Heute
stört es mich, denn ich weiß: du wirst kassiert. Überlaufen.
Durchgereicht. Ich habe mich übernommen und das Glöckchen läutet die
nächste Runde ein. Weiter geht‘s, immer weiter im Kampf mit der Sonne
und den schweren Beinen. Bei 10 km zeigt meine Uhr 51 Minuten. Und ich
werde nicht gerade schneller. Die Glöckchen-Connection überholt mich.
Ich muss beißen. Auf Markus‘ T-Shirt steht "Was guckst Du? Guck
ich vielleicht, oder was?" Dabei ist bei mir gerade wieder mal
Guckpause, weil mir salzige Niagarafälle in die Augen laufen. Ich
resigniere. Es ist ja kein Wunder, dass ich im Hitzekampf unterliegen
muss. Die Sonne scheint ständig bergab – bei soviel Erholung muss man
einfach Kraft haben. Ich will das Ganze nur noch würdig zu Ende
bringen. Zu meiner Freude wird der Abstand zwischen mir und meinen Vorläufern
nicht größer. Wir könnten zusammen ins Ziel kommen. Markus, Jörg,
das Glöckchen und ich. Genau so geschieht es. Nach einer Stunde, 18
Minuten und 45 Sekunden schütten wir Wasser in uns hinein, als wären
wir den Marathon des Sables gelaufen. Schnitt. Wir lesen uns wieder nach
der Werbung.
Die hessische Volkslaufszene ist eine wunderbare. Einer Untersuchung
unabhängiger schwitziger Volksläufer zufolge ist der TSV Bonames
ein ganz besonders wunderbarer Verein. Nach dem alljährlichen
Volkslauf, bei dem neben einem 15er auch ein 10er, ein 8er und Bambini-Läufe
angeboten werden, sitzt man unter alten Kastanienbäumen und versorgt
sich mit allem, was unabhängige schwitzige Volksläufer brauchen. Es
gibt zwei Sorten Bier vom Fass, zwei Sorten Bratwürstel, zwei Sorten
Kartoffelsalat. Und etwa zwölf Sorten Kuchen. Und weil der TSV Bonames
weiß, was unabhängige schwitzige Volksläufer wünschen, gibt es nicht
etwa schnellranzenden Sahnebuttercremetortenhaufenwahnsinn, sondern nur
Solides vom Blech: Streusel in allen Farben und Formen, Mandelkuchen,
Butterkuchen und andere Ofenwunder. Es gibt Kaffee aus großen
Keramikbechern. Und für sechs Euro Startgeld ein Finisher-T-Shirt. Wenn
Sie jemand fragt, wo man es als unabhängiger schwitziger Volksläufer
besser hat, als irgendwo anders, sagen Sie einfach: Bonames.
Mit Betonung auf der dritten Silbe. Schnitt. Werbung Ende.
Die Hitze hat ihre Opfer gefordert. Kurz vor dem Ziel hat sich ein Läufer
von selbst in die stabile Rückenlage gebracht, nach dem Ziel wird eine
Läuferin auf Bänke gebettet und mit einer Infusion versorgt. Unter der
Obhut eines Arztes, der ein bisschen aussieht wie Dietmar Schönherr,
wird sie schließlich sicherheitshalber abtransportiert. Ich schaue auf
unsere winterblassen Beine und denke: Wir sind es einfach nicht gewöhnt,
dass es bei uns so schön ist. Beim Blick auf die Ergebnislisten bin ich
etwas enttäuscht. Platz 14 - so weit hinten war ich lange nicht mehr.
Doch dann sehe ich plötzlich ein verrutschtes Chromosom – man hat
mich bei den Jungs einsortiert. Bei den Mädels meiner Altersklasse bin
ich Platz drei. Das freut mich, aber eigentlich wollte schneller sein.
Sei’s drum. Die Politiker haben völlig Recht: "Es ist jetzt
nicht der Moment, um darüber zu diskutieren, woran es gelegen
hat."
(c) Heidi
Schmitt 26.05.2005